Von Rembert Hüser
Le Monde kommentiert am 30. Mai den Fall Schirrmacher auf der Titelseite unter der Überschrift 'Etre "Doktor" ou ne pas l'Etre'. Also auf Deutsch: 'Doktor sein oder nicht sein' oder vielleicht genauer noch in diesem Fall: 'Sein Doktor oder nicht'. Der Artikel beginnt mit einer Anekdote aus den Memoiren von Saint-Simon von einem jungen Mann, "der um gut empfangen zu werden und Geld zu haben, den Namen des Marquis de Ruffec annahm. [...] Er wurde in Bayonne überführt, zu Tisch bei d'Ardoncourt, der sich plötzlich dazu entschloß, als er ihn Oliven mit einer Gabel essen sah." Oliven ißt man mit der Hand.Le Monde hat für seine Beobachtungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Feuilleton in der Bundesrepublik ein feines Instrumentarium gewählt. Statt mit dem ersten Stück Speise instinktiv zur Gabel zu greifen, loszustechen, ließe sich natürlich auch ein anderes Verhalten bei Tisch denken, ein anderes Besteck, andere Umgangsformen, Effektivitäten, und seis für viele auch Chinesisch: "Stäbchen - ihre Form sagt dies bereits zur Genüge - [haben] eine deiktische Funktion: Sie zeigen die Nahrung, bezeichnen [...], was sie auswählen (wählen für den Augenblick dies und nicht das), und führen damit in den Nahrungsgebrauch zwar keine Ordnung, wohl aber Phantasie und so etwas wie Muße ein: in jedem Falle eine Tätigkeit,die nicht mehr mechanisch, sondern intelligent ist."[1] Was hat der Gebrauch von Gabeln mit Feuilletons und Wissenschaft zu tun? Sagen wir ganz vorläufig: erstens die Geste des Beutemachens, des Aufspießens, Notengebens, zweitens das Kreisen um die Stimme, die man treffen muß. Das Phantasma des Die-Musik-Machens. In beiden Praxisfeldern, bei beiden professionellen Kulturvermittlern geht es zentral um das Problem der Identifizierbarkeit. Um das Aus- und Einklinken. Den eigenen Namen. Und das Trauma Danebenzuliegen. Im großen Papp.
Aufgabeltexte lassen sich in beiden Bereichen mühelos finden. Man könnte etwa aus dem FAZ-Feuilleton gleich mehrere Gabel- Rubriken zitieren: die monatliche Spalte "Beste Bücher und ein Ärgernis", Untertitel "Empfehlung und Verfehlung - was von den Kritikern der F.A.Z. im vergangenen Monat besonders hervorgehoben wurde", ('Verfehlung' dabei alles, was sprachreflexiv und nicht stofforientiert ist, Jelinek also oder Achternbusch). Oder, wöchentlich, das 'Aufgespießtkästchen' auf der Geisteswissenschaften-Seite. Ein Satz mit ungewohntem Sprachgebrauch. Beide Rubriken gibt es dort seit Ende der 80er Jahre.
Aber auch in der Literaturwissenschaft muß man nicht groß suchen. Man könnte etwa die 'Vorüberlegungen' zur Diskussion über "Wissenschaftssprache, Verwissenschaftlichung der Sprache, Sprachkultur" im Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft von Walter Müller-Seidel aus dem Jahre 1988 anführen: "Wenn man bedenkt, daß das Überleben der Menschheit davon abhängt, was die Wissenschaften tun oder nicht tun, dann ist [...] [d]ie Verödung unserer Sprachlandschaft, die 'semantische Verschmutzung der Umwelt' (Wolfgang Stegmüller) [...] eine [...] Gefahr, die zu Kritik herausfordert. Hierzu einige beispielhafte Zitate ohne Kommentar:"[2] Daß sich alles noch lange nicht von selbst versteht und daß keine Fremdwörter noch nicht kein Jargon heißt, hat Jürgen Link in der Diskussion angemerkt: "Begriffe also wie 'Rekurrenz' usw. scheinen nicht sehr 'deutsch' zu wirken - aber wirken sie deshalb eigentlich 'germanistisch'? Wirkt nicht ein Satz wie etwa folgender erheblich 'germanistischer': 'Jenseits einer wirklichen Schicksalsbetroffenheit liegen sie, aber dafür auch jenseits tragischer Gefährdung und Vereinzelung'"[3] "Warum nicht mal eine Fernsehkritik wie die verehrten Kollegen von der FAZ beginnen" (taz, 18.2.94). Die vermeintliche Gegenstandsnähe, Praxis, Empirie, es sind unsere Finger, die schmutzig sind, entpuppt sich als lediglich andere Form von Theorie. Mitgeteilt werden, wenn es hochkommt, Terminologiepräferenzen.
Aber zurück zu Saint-Simon und Le Monde. In beiden Fällen ist die Meßlatte 'Größe'. Und die Frage, wie man wo hinkommt. Für den, der für sein Leben gern adelig wäre, bei Hofe sein möchte, ist die Olive gleichermaßen zu klein wie eine Nummer zu groß. Gemessen an der gesamten westlichen Adels-Geschichte ist eine Olive eine Kleinigkeit. So eine Olive kann man schon einmal übersehen. (Auch ich habe sie im Deutschen erst einführen müssen.) "Es gab und gibt etliche deutsche Kurzausgaben der Memoiren des Herzogs von Saint-Simon; diese beschränken sich zumeist auf eine Ansammlung von Anekdoten. Das editorische Prinzip, dem ich nachgegangen bin, hält sich an die Struktur der immanenten Zeit. Insofern auch Beibehaltung von Kriegsereignissen, um die Aktion der jeweils Handelnden durchsichtig zu machen; die Generale stünden sonst wie Schemen da. Ich habe [...] die Etikettenstreitereien - so wichtig diese auch sind - weitgehend eliminiert."[4] Damit die Generale nicht wie Schemen dastehen, fällt die Olive in der deutschen Ausgabe unter den Tisch. Dabei scheint doch mit der saint-simonschen Anekdote zumindest soviel sicher zu sein, daß eine Unterschätzung der Olive im Handumdrehen zum Gesichtsverlust führen kann, daß sich mit dem ständigen ein paar Jahrhunderten an Feierlichkeit, an Repräsentierenmüssen im Kopf so eine Olive schnell zur Gurke auswächst. "Die westliche Nahrung - aufgehäuft, mit Würde ausgestattet, bis ins Majestätische aufgeblasen und mit Prestigetätigkeiten verbunden - bewegt sich stets in Richtung auf das Große, Ausladende, Überfließende und Üppige; die östliche Nahrung folgt der entgegengesetzten Bewegung, sie verflüchtigt sich ins unendlich Kleine: Die Zukunft der Gurke liegt nicht in ihrer Aufhäufung oder Eindickung, sondern in ihrer Zerteilung, in der feingliedrigen Zerstreuung."[5]
Nun ist eine Olive nicht nur eine Kleinigkeit, sondern das, was man eine 'ganze Kleinigkeit' nennen könnte. Eine Olive ist schon eine eigne Welt. Ihr Drumherum ist 'Immergrün'. In metonymischer Verschiebung heißt 'oliva' lateinisch "allerlei rühmende Floskeln". Eine eigne Welt. Was macht der Mann von Welt? Wie wird die Olive zur Gurke? Sie "ist kalt im Mund, sie macht ein Geräusch wie Glassplitter, wenn man kaut. Findest du nicht, daß die Gurke erfunden scheint? - Es scheint so."[6]
Ich möchte hier an dieser Stelle für östliche Tischsitten plädieren, die 'ganzen Kleinigkeiten' - biobibliographische Angaben, Wörterbucheinträge - einmal genauer zu sehen. Auf dem Teller und darüber hinaus. Was mich interessiert, ist die Eindickung der Gurke. Das Prinzip der Anhäufung. Die Mechanik und die Wiederholung der Muster. Und die mögliche Variation der Benimmregeln.
Was ich mir anschauen möchte, ist in Großkulturperspektive wiederum eine ganze Kleinigkeit, ein kleiner Ausschnitt des bundesdeutschen Feuilletons, für den Frank Schirrmacher soetwas wie das Karrieresymbol ist, und der sich im wesentlichen in der FAZ, der taz und dem Merkur auffinden läßt. Ich rede von der sogenannten '89er-Generation', von denen, die sich als "die jungen Redakteure" selbstbeschreiben. Bleiben wir dabei, nennen wir sie der Einfachheit halber, die 'Jureks', eine Mitteleuropa-Variante von "Georgius: Hl. Kriegsmann aus Kappadokien, + 303, Patron der Ritter; gr. 'Bauer'."[7]
Die Jureks, zu deren Gründermythenrepertoire immer die Geschichte von dem enormen Leidensdruck gehört, in der Schule hilflos den 68ern ausgesetzt zu sein, die also in einer Zeit aufs humanistische Gymnasium gegangen sein dürften, in der die ersten Jahrgänge nach 68 Referendare und Studienräte wurden, rekrutieren sich, sagen wir, aus den Jahrgängen 1955-1967. 1989 müssen sie schon ein bißchen aus der Schule raus sein. (Ich selbst halte da ziemlich genau die Mitte). Eine einheitliche Generation sind diese Jahrgänge, wie alle Jahrgänge, natürlich nicht. 77 etwa mit Punkrock und Deutschem Herbst formiert auf eine sehr andere Art und Weise. An die Mitschüler, die an den 68ern gelitten haben, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Damals habe ich auch meine erste Aktentasche gesehen.
Frank Schirrmacher, Jahrgang 1959, wird Juli 1985 von Joachim Fest in die FAZ geholt, - zieht selbst dann Gleichaltrige und Freunde nach -, wird Januar 1989 Leiter der Redaktion 'Literatur und literarisches Leben' und Januar 1994 Mitherausgeber. Ein Jahr später ist die Entwicklung abgeschlossen: Die drei wichtigsten deutschen Kulturpreise gehen geschlossen an die FAZ-Kulturabteilung. Die Jureks sind als dominanter Ton der bundesdeutschen Feuilletons symbolisch abgesegnet. Der Jubelartikel im Feuilleton des Tages heißt 'Jugend'. Alte Tante Ju. In der FR gratuliert der Germanistikprofessor: "Wem es noch um das Ziel zu tun ist, das einmal die deutsche Universität versprochen hatte, der wird sich an andere Institutionen halten: an Verlagsprogramme, an einige Zeitschriften, vor allem an das Feuilleton der großen Tageszeitungen. Symptomatisch ist, daß der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, bislang an Professoren vergeben, die ihre Fachdisziplin den Ansprüchen der allgemeinen Bildung zu öffnen vermochten, diesmal an den Redakteur eines Literaturblatts fiel. [...] Die Zeitung und nicht mehr die Universität ist heute der Ort, an der die geistige Situation der deutschen Intelligenz zur Sprache kommt."[8] Vor der Tagesschau um 8 auf dem Ersten sieht man den Jungherausgeber im Werbeclip vor der ersten Weltnachricht den neuen Ton verkünden. Der Platz ist adäquat: Die Jureks sind die neue Ästhetik des Staates. Im bohrerschen Sinne auch physiognomisch. Passend zum Job gibts das Gesicht zum Herausgeber. Was ist die vielbeschworene Statur der neuen Kultur-Funktionseliten? Was geben sie her? Halten wir noch einmal fest: In knapp 8 Jahren, 1987-1995, haben sich die Jureks auf allen Ebenen durchgesetzt. In der bundesdeutschen Kulturpolitik sind sie zu den Vorreitern der Gestenproduktion avanciert.
Herbst 1982 hält Neukanzler Kohl eine programmatische Rede: "Wir werden [...] eine Wiederbelebung unseres Leistungswillens, unserer Leistungskraft, die notwendige Opferbereitschaft [...] nur dann in der Tat bewirken können, wenn eine geistig moralische Herausforderung erkannt und angenommen wird." Zwölf Jahre später wird diese Rede im Politikteil der taz kommentiert: Der "Irrtum [der Intellektuellen] über die Wirksamkeit seiner [Kohls] Politik fiel ihnen umso leichter, als der Mann aus der Tiefe der deutschen Provinz seinen hohen Anspruch in einer breit mäandernden Begrifflichkeit vortrug: 'Das blanke Ich muß wieder in dem Wir des Volkes aufgehen.' Heute, da die 'Neue Wache' in Berlin ebenso fest steht wie das 'Haus der Geschichte der Bundesrepublik' in Bonn, ist [...] [d]ie Wende [...] geglückter, als es der vor zwölf Jahren noch definitionsmächtigen Linken lieb sein kann. Aber wie steht es um [...] die neuen Werte? [...] Der Geist steht nicht mehr links, aber auf die neuen Werte müssen alle, die sie wollen, noch immer warten" (16.9.94). Der Befund läßt sich nahtlos auf die Feuilletonjungen übertragen. Hier ist nämlich einer der Orte, wo über die kulturelle Definitionsmacht entschieden wird, hier trifft man auch wieder auf diese breit mäandernde Begrifflichkeit von Ich und Wir und Goethes Gartenhaus und Deutsches Volk. Daß diese Form von Spreizkommunikation sich jedoch nicht nur halten, sondern auch in andere Redaktionen einziehen konnte, daß die 'geistig-moralische Erneuerung', von der die Jureks die Hilfstruppe darstellen, die Gurkas, geglückter ist, als es mir lieb ist, hat man zu konzedieren. Und doch ist es nicht nur der Fatalismus, der in letzter Zeit die Ruhe gibt. Der Überdruß, der sich verstärkt in den Feuilletons breitmacht, schon eher. Ich möchte eine prognostische These wagen: Ich glaube, daß es sich mittlerweile abzeichnet, daß es sich bei den Jureks um ein historisches Überhangphänomen handelt. Wenn in 8jährigem Kampf um kulturelle Definitionsmacht nämlich irgendetwas zutage getreten ist und zwar überaus deutlich, so ist es eins: Die Jureks haben keine eigenen Themen. Kein Thema, das sie auch nur ein stückweit von den Themen derjenigen unterscheiden würde, die sie eingesetzt haben. Kein Thema und damit auch keinen eigenen Ton. Das macht ihre Texte in einem ganz extremen Maße anfällig für Vorhersehbarkeit. Für Schematismus. Soetwas kann solange gutgehen, wie der Ton noch in seiner Formierungsphase ist, sich hegemonial nicht durchgesetzt hat. Das wird aber in letzter Zeit niemand ernsthaft mehr von ihm behaupten. So langsam müßte er schon aus dem Quark kommen. Mit diesen 19.Jahrhundert-'Über-uns-liegt-ein-Hauch-von-Spätantike- wir-sind-das-Land-der-Phäaken'-Sätzen, 'dieser Kunst des Händeringens' (Enzensberger), ist jedenfalls absehbar nicht mehr viel zu holen. Nach der Negativarbeit, der Abrechnung mit 68, würde man eben gerne mal die 'neuen Werte' sehen, die da immer angekündigt werden. Und die Neue Zeit.
Das Problem, kein eigenes Thema lancieren zu können, scheint mir strukturell bedingt zu sein. Die Ablösung von der alten Generation wird nämlich von einem Literatur-, Film- und Sprachverständnis aus angegangen, das primär stofforientiert ist. Hieß es beispielsweise anfänglich noch, daß das sogenannt Soziologische der 68er Generation das sogenannt Eigentliche der Literatur verstelle, da wird auf einmal der "Berlin-Roman der Nachkriegszeit" (FAZ, 10.10.89) gefordert, wo eigentlich doch das erste Tübingen-Epos der 90er angesagt wäre, da phantasiert die taz auf einmal von der "ersten gesamtdeutschen Stimme" (taz, 13./14.5.95), die es zu entdecken gilt und die gerade entdeckt worden sei, so als ob sich jetzt die Literatur auf einmal für soetwas interessiere. Tut sie nicht. Genausowenig. Der pathetische Wachwechsel der Jureks präsentiert nicht mehr als einen rein politisch motivierten Vorzeichentausch. Zumal es in den Diskussionen, wie man schnell sehen kann, nicht nur darum geht, den Roman zur weiteren Bundesrepublik nach 89 zu schreiben, am besten aus dem Erfahrungshorizont eines erschöpften Pindarübersetzers, sondern die politischen Ereignisse auch noch gebührend zu feiern. An der unendlichen Feuilleton-Geschichte Günter Grass läßt sich das sehr gut zeigen. Gefordert sind genehme Stoffe. Weil man Form nicht zu beobachten gelernt hat.
All das gilt aber auch für die Literaturwissenschaft. Auch die Literaturwissenschaft ist nicht imstande, Themen zu lancieren, die hängenbleiben. Auch sie begeistert sich immer wieder für Phänomene 'kruder Stofflichkeit'. Deutschdeutscher Literaturstreit, reif für die Hauptstadt, Grass und Schimmel, New Historicism, die Diskussionsforen im Schillerjahrbuch oder in Dubrovnik, diese verordneten Großdiskussionen, die etwas bewegen sollen, interessieren nie länger als zwei Tage, drei Sammelbände (Wenn überhaupt). Und auch bei 'Anthropologie', dem neu annoncierten Joker, der beide Praxisfelder versöhnen soll, wird das absehbar kaum anders laufen. Auch das Fach beobachtet immer weniger Form. Seine wachsende Theoriemüdigkeit ist in erster Linie Formmüdigkeit. Was man will, ist wieder zurück vor die Mitte der 60er Jahre, in eine "Atmosphäre [...] [die] eher auf die Integrität eines sozialen und historischen Subjekts hin orientiert [ist] als auf die unpersönliche Folgerichtigkeit, die die Theorie verlangt"[9], um Form analysieren zu können. Wonach das Fach sich derzeit sehnt, ist esoterische Geselligkeit. Da trifft es sich mit dem Feuilleton.
Am 7.9.94 bietet die FAZ auf einer Doppelsonderseite vier renommierte Germanistikprofessoren auf, um von der bevorstehenden Großtagung des Fachs abzuraten. Mit Heinz Schlaffer, Klaus Weimar, Friedmar Apel und Friedrich Kittler ist dabei für eine ziemliche methodologische Spannbreite der Positionen gesorgt; die Überschrift, die die Professoren mit ihren Beiträgen unterschreiben, stammt aus Schlaffers Text und lautet: "Die Germanisten tagen in Aachen: Ein Fach, das aus Gewohnheit gelehrt und aus Irrtum studiert wird". Für die Chance, in der Zeitung mit dabei zu sein, verzichten die vier Gewohnheitslehrer auf einen Fachbeitrag in Aachen; schade, die Tagung dort wäre sicher besser geworden. Das Verblüffende an den vier Beiträgen von vier Professoren mit vier Positionen ist, daß sie nahezu ununterscheidbar sind. Alle vier kommunzieren drei Dinge: 1. Ich bin kein Beamter. 2. Alle anderen schreiben schlecht. 3. Die Lösung des Dilemmas liegt im Stoff. Weimar sagt: Mörike lesen, Lessing oder Laurenz Leopold Haschka, Apel sagt: Goethe lesen, Schlaffer sagt: Lessing, Goethe, Romantik lesen, Kittler sagt: Gauss und Zuse lesen. Komisch. Es gibt überhaupt keinen Grund, weshalb man Mörike, Haschka, Goethe, Lessing, die Romantik, Gauss oder Zuse lesen sollte. Mörike, Haschka, Lessing, Goethe, Romantik, Gauss oder Zuse: so klar-doch-wichtig dieses Winken auch aussieht, heißt gar nichts. Hinter keinem Namen verbirgt sich eine Fragestellung. Ein Problem. Und wer könnte nicht ganz viele bunte Namen aufzählen? Smarties. Aber der eigentliche Witz der Artikel unserer vier Spezialisten liegt auch ganz woanders: Ihre Texte sind nämlich noch vor ihrem Erscheinen exakt vorhergesagt worden. Rolf Parr hatte in '"Textsorten und literarische Gattungen". Einige Topoi der Berichterstattung über Germanistentage' in den 'Mitteilungen des Deutsche Germanistenverbandes' aus den Kommentaren zu den letzten Germanistentagen eine Matrix der dort seit Jahren stereotyp wiederkehrenden Formeln und Wendungen erstellt und eine Simulation für 94 angehängt, die die 4 dann brav umsetzten. Schien gar nicht so schwer zu sein.
Kommen wir nochmal auf den Text aus 'Le Monde' zurück. Jemand möchte Karriere machen, indem er einen imaginären Text bedient. Auf 'Adel' macht. Dabei tut er vornehmer als es nötig ist. Das Interessante am Fall Schirrmacher, zu dem 'Le Monde' dieses Beispiel aus der Oberschichteninteraktion des 17. Jahrhunderts einfällt, ist nicht, daß man mit einer Magisterarbeit noch einmal promovieren kann, sondern die stark phantasmatische Dimension der ganzen Geschichte. Es fängt ganz harmlos, deutsch, an: Um richtig was werden zu können, Astronaut (Dr. Ulf Merbold) oder FAZ-Herausgeber (Dr. Frank Schirrmacher), braucht man in der Bundesrepublik eine Dissertation. Also einen umfangreicheren Text mit einer vollständigen Bibliographie.[10] Mehr läßt sich nämlich zur näheren Bestimmung dieser Textsorte nicht angeben. Die erste große Qualifikationsarbeit des Fachs ist von ihrer Definition her bereits auf Stoff aus. Als eine Stoffsammlung angelegt. Für die Franzosen ist das Großschreiben der Dissertation unverständlich. Zumal eine französische Promotion auf deutschen Visitenkarten mit kleinem dr geschrieben werden muß. Um sie kenntlich zu machen. (In Frankreich käme eh niemand auf die Idee, den Titel auf seine Visitenkarte zu schreiben.) Das ist das zweite Beispiel von Le Monde.
Schirrmacher braucht aber nun einmal eine Visitenkarte. Er schreibt fürs Große. Er hat nichts anzubieten, will aber werden, muß also frisieren. Alles beginnt bei ihm mit dem Aufstand des schlechten Gewissens. Wo alles erlaubt ist, was er macht, besteht eigentlich kein Anlaß zur Sorge, könnte er doch ganz locker sein, den Text locker eintüten. Neue Folge 386. Danke, hab schon. So aber bleibt die Frage, warum er nur die Teile des Textes umschreibt, die auf die Nachbarbeiträge der Sammelpublikation verweisen, Anmerkung 19 und Anmerkung 25 im Suhrkamp-Band etwa, und ob es auch Bestandteil der Siegener Prüfungsordnung ist, daß diese bereits veröffentlichten Arbeiten, dann gleich noch einmal veröffentlicht werden müssen, und seis so verschämt wie bei Schirrmacher ohne Angabe von Prüfer, Ort und Tag unter anderem Titel im Selbstverlag. Schirrmacher, 1989: "Damals [1968] begann eine ausgefeilte und weitgestreute Literaturförderung, junge Autoren [...] oft noch vor Ablieferung ihres ersten Werkes finanziell zu unterstützen. Plötzlich konnte nicht nur jeder lesen, sondern auch schreiben. [...] Heute können wir die Folgen absehen: [...] Wer also nichts Gescheites zuwege bringt, wird auch das noch, wenigstens als Dokument des Scheiterns den Jurys und Verlagen andrehen wollen. [...] Doch es geschah das Unerwartete. Als die Manuskripte lektoriert, die Umschläge entworfen, die Klappentexte formuliert und die Bücher endlich im Handel waren, stellte man fest, daß sie alle dasselbe enthielten. [...] 'Es' schreibt, und es schreibt immer gleich. Die Texte, die einmal von extremer Individualität, ein anderes Mal von Berlin [...] handeln, [...] die eigensinnig, radikal oder esoterisch zu sein vorgeben, sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen."[11]
Die enorme Sogwirkung, die eine Promotion in der FAZ-Welt hat, und der Druck, der von ihr ausgeht, spiegelt sich in den biobibliographischen Angaben der Redakteure wider: "In München arbeitete [xy] als wissenschaftliche Hilfskraft für Friedrich Sengle und für Werner Betz, bei dem er eine Dissertation zu Methoden der Sprachkritik begann, die er nach dessen allzu frühem Tod nicht fortsetzte."[12] Das ist ein bißchen mehr Information, als ich brauche. (Die Lehrer-Schüler-Kiste, auf dem Grab sitzengeblieben, ist aber auch wirklich die einzige Entschuldigung.) Treuer Knappe, gutes Kind.
Aber die phantasmatische Dimension fängt beim zukünftigen Herausgeber mit der Promotion erst an. Offenbar hat jemand für seinen Zeitungstraum einen imaginären Text FA - Frankfurter Allgemeine, Feuilleton Adel - im Kopf, der aus einigen wenigen vorhersehbaren Komponenten besteht, Anforderungen, die man präzise ausschreiben kann, und die er literal liest und Schritt für Schritt in die Tat umsetzt. Daß er mal eine Uniform anhatte und zwar nicht bloß Infanterie, Panzerfahrer, daß er aus großbürgerlichen Verhältnissen stamme, daß er bei berühmten Männern studiert habe, daß er ein Manuskript "Bundes Literatur Geschichte" liegen habe - auch wenn das alles nicht stimmt, es sind prima Geschichten. Genau das, was gefragt ist. Der De Man-Schüler, der die Dekonstruktion hasst und nie in Yale studiert hat, nie im Complit-Department eingeschrieben war, damit aber die Tragik mit drin hat, der tragische Sohn auf Wahrheitssuche: das Verfahren ist eigentlich brüllend- komisch, aber es funktioniert. Und wer war schon mal in Amerika? Wer kennt sich da aus? Das ist genau die Drüse, die bedient werden muß. Aber müssen wir das deshalb gleich auch mit unterschreiben? Warum sollten diese Geschichten außerhalb der FAZ wichtig sein?
Wie man eine Imago bedient, kann man in 'Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch' von Ernst Kris und Otto Kurz nachlesen. Was in diesem Buch aus dem Jahre 1937 an Topoi des Redens über Künstler zusammengetragen worden ist, funktioniert auch ohne große Verrenkungen in anderen Bereichen. Zentral für die Übermittlung von Größe ist dabei die Struktur der Anekdote. "Wir sind heute geneigt, die Anekdote mit geringem, schwer faßbarem Unterschied neben den Witz zu stellen, mit dem sie offenbar den formalen Aufbau gemein hat: Auch die Anekdote gipfelt meist in einer Pointe, an die der Lustgewinn geknüpft ist. [...] Der Inhalt aber bezieht sich in der Regel auf einen hervorragenden Träger oder Helden - in seiner Vertretung etwa auch auf einen bestimmten sozialen Typus -, der unserem Verständnis näher gebracht, mit dem uns die Identifizierung erleichtert werden soll. Dabei ist, was von dem Helden berichtet wird, meist als Ergänzung seiner 'offiziellen' Lebensbeschreibung anzusehen, stellt uns etwa den großen Mann als Menschen unter Menschen dar oder zeigt uns seine Schlagfertigkeit in einem besonderen, unerwarteten Licht; man könnte die Anekdote auch als ein Stück Geheimbiographie des Helden ansprechen. [...] Zugleich aber erweist sie sich als enge verbunden mit der großartigen Vergangenheit, aus der die Vorstellung vom Künstler stammt."[13]
In diesen Künstleranekdoten lassen sich nun verschiedene Motivcluster isolieren, die immer wiederkehren, der Jungherausgeber oder andere exemplarische Biographien, dessen Talent bereits als Hirtenknabe entdeckt wird, frühe Begabungen, frühes Nach-Ausdruck-drängen, usw., soetwas müßte man einmal pro Praxisfeld - Gelehrtenimago, Essayistenimago - spezifizieren. Man wäre damit einen großen Schritt weiter. Halten wir hier erst nur fest, daß alle diese abstrusen Anekdoten, die Schirrmacher erzählt, Resultate genauer FAZ- Lektüren sind. Mag es auch noch so unsinnig sein, was er erzählt, er weiß, wovon er spricht. Hier halluziniert ein Feuilletonkenner. Hier malt einer den hidden text der Allgemeinen aus. Daß den Geschichten, die dabei rauskommen, alle Türen aufgemacht worden sind, belegt nur, wie gut er gelesen hat.
Feuilleton und Wissenschaft hängen zur Zeit so eng zusammen, wie noch nie. Noch niemals zuvor hat sich der eine beim anderen so heftig angedienert. Beide brauchen sich wechselseitig zur Beglaubigung ihrer Texte. Die Wissenschaftler sind scharf darauf, sich die Noten für ihre Arbeiten abzuholen, möchten gern mehr Leser haben als die 1,4 pro Aufsatz, die die Wissenschaftsgeschichte ausgerechnet hat. Erinnert sei noch einmal an das Ergebnis der statistischen Erhebung von Peter Weingart u.a. in: 'Die sog. Geisteswissenschaften: Außenansichten', "Graphik D2-10: Verteilung der Artikel von Professoren der Facheinheit Germanistik/Germanistische Fächer auf Zeitschriften": "Daß 1984 die Germanisten offensichtlich vorwiegend für das Feuilleton der FAZ schreiben, hat sicher auch etwas mit dem Selbstverständnis des Faches zu tun."[14] Lieber den Entertainer, den Pausenfüller machen, als aufs Fach zu setzen. Als einziges Fach nicht aufs Fach setzen. Fach? das ist doch so trocken. Man könnte noch anführen, daß eine gute Presse natürlich bessere Chancen bei der Drittmitteleinwerbung verschafft, was in der derzeitigen Hochschulsituation so unwichtig nicht ist. Auch mag der ein oder andere noch vom Status der Leitdisziplin für sein Fach träumen. Wo er selbst dann zum Volk predigen kann.
Das Feuilleton wiederum möchte gern berühmte Leute kennenlernen, weshalb es sich massiv bei den großen Namen der Fächer anbiedert. Das Abstrafen von deren Gegnern ist dabei komplementär zur Feier, alles in der Hoffnung, etwas vom Großen Nimbus abfärben lassen, sich selbst unterscheiden zu können. Der Schüler-Schmus. Im emphatischen Sinne wird nämlich auch das Feuilleton, trotz, sagen wir, 100000er Auflage, nicht gelesen. Hier macht es große Schwierigkeiten, Artikel auf Redakteure hochzurechnen, sie mit Signatur wahrzunehmen, ob sie nun druntersteht oder nicht. Hast Du gestern die FAZ gelesen, die taz? Und wo wäre noch der Artikel von letzter Woche ohne weiteres verfügbar? Aus das Frühstück, aus dem Sinn. Indiz dafür ist, daß das Feuilleton nicht über eine eigene abrufbare Tradition verfügt: Kraus, Kerr, Robert Walser - wie sind die vermittelt? Diese Situation hat das Feuilleton sich selbst eingebrockt. Wo es in einem fort darauf aus zu sein scheint, nachzuweisen, das eigentliche Fach zu sein, sträubt es sich doch zugleich dagegen, selbst beobachtet zu werden. Die Konstruktion seiner Beobachtungen zu diskutieren. Das hängt eng mit der täglichen Kanonfeier zusammen. Feuilletonanalysen gelten eben, wahrscheinlich sogar hauptsächlich im Feuilleton, nicht als würdige Gegenstände wissenschaftlicher Arbeit. Mit dem Medienbegriff, den die Jureks fahren, plazieren sie sich selbst direkt beim Müll. All diese Punkte kann man aber auch in einem einzigen Satz zusammenfassen: Das Fach wie das Feuilleton haben ein gemeinsames Problem: sie haben keinen Glamour.
Es ist fast wie ein verzweifeltes Dagegen-Anrennen, daß sich in den letzten Jahren eine Konjunktur der biobibliographischen Angaben beobachten läßt. (Wenn möglich, noch mit Foto der Macher). Dabei ist das Schema der Lebensläufe relativ simpel: Die Jureks wollen möglichst nah an der Wissenschaft sein: "Zu seinen Lehrern zählen Arno Borst, Reinhart Koselleck und Karl Heinz Bohrer"[15], während die Professoren möglichst nah an Kunst und Leben, also am Feuilleton, sein wollen. So lautet in "Periphere Museen in Berlin" die Autorenzeile von einem der Beiträger: "Gert Mattenklott (1942* Oranienburg) ist u.a. Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft in Marburg."[16] Was soll das heißen: "u.a. Professor"? Fülle des Lebens? Die Angaben "Zu den Autoren" wird durch eine Fußnote näher spezifiziert: "Alle Autoren [...] leben und arbeiten in Berlin."[17] Ein Job an der Uni ist etwas, das nichts mit Leben, Arbeit und Berlin zu tun hat.
Tatsache ist: zur Zeit will nichts so recht hängenbleiben. Eine mögliche Abkehr vom umsichgreifenden Überdruß könnte mit einer Neureflexion des Stoffbegriffs beginnen, der mir in der Literaturwissenschaft unterbestimmt zu sein scheint. Bei aller derzeitigen Restitution Großer-Sprecher-Rollen ist eine der Pointen des Foucaultschen Autortextes nie recht bedacht worden: "Der Autor - oder das, was ich als Funktion Autor zu beschreiben versuchte - ist wohl nur eine der möglichen Spezifikationen der Funktion Stoff." Das ist das Fazit eines Arbeitsprogramms, das zuvor formuliert worden war: "Könnte man nicht auch ausgehend von solchen [und damit meint er: historischen] Analysen den Vorrang des Stoffs neu überprüfen? [...] [W]ie, aufgrund welcher Bedingungen und in welchen Formen kann so etwas wie Stoff im Diskurs erscheinen? Welche Stelle kann er in jedem einzelnen Diskurs haben, welche Funktionen übernehmen, welchen Regeln gehorchen? Kurz, es geht darum, dem Stoff (oder seinem Ersatz) seine Rolle ursprünglicher Begründung zu nehmen und ihn als variable und komplexe Funktion des Diskurses zu analysieren."[18] Es ist schon ein Kunststück, so zu tun, als ob man, nach dem vielleicht letzten gemeinsam erlebten Trauma in der Geschichte des Fachs, dem Kollabieren der Sozialgeschichtskonzeptionen in der Literaturgeschichtsschreibung Anfang der 80er Jahre infolge der Infragestellung sämtlicher Basiskategorien, die den historischen Synthesen zugrundeliegen, ohne weiteres - 'unbeeindruckt', wie es bei den Jureks heißt - wieder zu soetwas wie dem 'historischen Kontext' zurückkehren könne. Als sei nichts geschehen. Als würde der nur auf uns warten. Wir stellen uns tot.
Was ist aber der Gestus, von dem man sich zur Zeit Glamour verspricht? Zur Zeit läßt sich im Feuilleton eine Verschränkung zweier Stillagen beobachten, die einander bedingen. Ich möchte sie im folgenden kurz charakterisieren:
Es ist, als habe Balzac das Drehbuch geschrieben: Zur Kur eines akuten Falls von Hysterie, um jemand zum Sprechen zu bringen, der auf Bäumen hin-und herhüpft und 'Adieu' schreit und nur durch Zuckerstückchen zu besänftigen ist, wird in einem Park die Baracke von Rastenburg nachgebaut, vielleicht klappts ja mit Weltgeschichte. Vielleicht bricht sie ja das Eis. "Rechts an der ersten Straße die ehemalige Oberförsterei, links das Schloß. Gleichgültig bietet die Natur ihren Sommermorgen. Es ist einer wie alle. Aber etwas geschieht hier. [...] Das Schloß des Reichsfreiherren Schenk von Stauffenberg ist beflaggt. Die Fahnen erinnern an jenen Julitag vor neunundvierzig Jahren, der meterologisch gewöhnlich blieb, aber als 20. Juli 1944 zur Geschichte wurde. Drüben, in der ehemaligen Oberförsterei, bereitet sich an diesem Morgen Ernst Jünger auf Gäste vor. Wer auf der Straße steht, zwischen Stauffenbergschem Schloß und alter Försterei an diesem 20. Juli 1993, der spürt, daß die Zeit über die Ufer tritt. Er kann ihr Rauschen vernehmen. Und er wundert sich sehr."[20] Uns wundert gar nichts mehr. Für die FAZ wird schon ein Jahr vor dem Feiertag exklusiv der Offizierswiderstand nachgebaut. (Für all die, die ihn seinerzeit verpaßt haben sollten.)[21] "Der Oberleutnant von Haeften hob die beiden Aktentaschen, die er trug - sein stets freundliches Knabengesicht blickte heiter: 'Wir haben uns diesmal doppelt abgesichert! [...]' 'Hast du genügend Watte für dein krankes Auge mitgenommen?' fragte Berthold den Bruder besorgt. 'Ja, danke.'"[22] Simuliert wird in diesem Artikel 'Die Zeit über den Ufern' vom 22.7.93 ein welthistorisches Ereignis. Heroen treffen aufeinander. Kohl und Mitterand fahren bei Jünger vorbei, wie man das so tut bei Leuten ab 95, der Noch-nicht- ganz-FAZ-Herausgeber darf mitschreiben.[23] "Er stand unruhig vor seiner Baracke. [...] Es war höchste Zeit, zur Lagebesprechung zu gehen. 'Sofort!' sagte der Oberst. 'Ich hole nur noch meine Aktentasche'" (163). Und weils mit Weltgeschichte allein noch nicht getan ist, wird bei diesem "Gipfeltreffen in Wilfingen" alles obendrein noch mythisiert. Flüsse gehen weltweit über die Ufer, in den USA dreht der Mississipi durch, Jünger wartet auf die FAZ. Keine Zeit übrig. Alles abgehackt. "'"Die Riesenschlange im Sack gehabt und wieder herausgelassen", wie der Präsident sagte, als wir in höchster Erregung bei geschlossenen Türen verhandelten"' Der Präsident ist nicht Mitterand, sondern Deckname eines Verschwörers, die Riesenschlange sind Hitler, SS und SD" (FAZ, 22.7.93), bemerkt das Protokoll. Nur inmitten böser mythischer Naturgewalten kommt der archaische Konflikt zustande. Godzilla kämpft gegen die Flugechse. Von allen möglichen Haltungen, den möglichst besten Welten, setzen die Jureks stramm auf 'Haltung 207'. "Die dickbauchige Aktentasche, die der Hauptmann von Brackwede in Sicherheit gebracht zu haben glaubte, stand neben dem Bett, in der Nähe von des Leutnants Stiefeln. Ein dünnes seidenes Wäschestück war darübergeworfen worden" (147). Was bedeutet '207'? '207' wird 1958 konstruiert, also "aus der heutigen Situation des 'Weltbürgerkriegs' heraus"[24]: Worum es geht, ist eine "Rückkehr zu Begriffen nationalen und internationalen Anstands [...], die besser übereinstimmten mit echten militärischen und adligen Überlieferungen. [...] [D]er deutsche Widerstand [...] hat [...] Züge, die nur ihm allein eigentümlich sind und sich von den besonderen Umständen der deutschen Existenz herleiten. Überall sonst [...] befanden sich unter den Freiheitskämpfern unzweifelhaft asoziale und kriminelle Elemente, die von Natur zum 'Widerstand' neigten. In der deutschen Opposition war jene 'Verbrecherwelt' [...] faktisch unvertreten. Hitler konnte die Rohlinge alle selbst gebrauchen".[25] "Der Oberleutnant von Haeften plauderte noch ein wenig mit dem Fahrer. Dann stieg auch er ein. Höchst sorgsam unfaßte er die beiden Aktentaschen. 'Soll ich ein erhöhtes Tempo vorlegen?' fragte der Kraftfahrer entgegenkommend. Stauffenberg verneinte. 'Halten Sie bitte die übliche Geschwindigkeit ein'" (155). Das Gegenteil vom Rohling, also das was die anderen Länder nicht haben, ist der preußische Aristokrat. Das allein Eigentümliche der deutschen Existenz mündet bei Hans Rothfels in den "jungen Stabsoffizieren", den Justafs. In der FAZ sind sie das große Ideal. Mit den Justafs wären die Jureks auch endlich in Berlin. "Die Aktentasche stand jetzt im hellen Tageslicht. Das braungelbe Leder leuchtete wie ein Warnsignal auf" (154). In der Figur des Justafs verschmilzt der junge deutsche Mann mit der Deutschen Kultur, natürlich des Mittelalters. Wird heilig, deutsch, römisch. Ein Reiterstandbild. Der anstrebenswerte Lebenslauf lautet mit Rothfels so: "Ein Katholik aus schwäbischer Familie und mütterlicherseits ein Nachkomme Gneisenaus, ein Mann von musischer Begabung und humanistischer Bildung, ein Mitglied des auserwählten Kreises um Stefan George [...]. Man braucht nur das Bild des 'Bamberger Reiters' zu betrachten, um [...] gewahr zu sein, daß dies kein gewöhnlicher Kavallerist und kein Mann von engem militärischem Ehrgeiz war, - wie sehr er sich auch als Soldat ausgezeichnet hatte. In ihm, wie in anderen, verband sich die intellektuelle Klarheit des in der preußischen Schule erzogenen Generalstabsoffiziers mit einer Reinheit und Geistigkeit, die ihn zum natürlichen Führer im Kampf gegen die dunklen Kräfte der Zeit [...] machte."[26] Wie kämpft man gegen die dunklen Kräfte der Zeit? Wie wird der 20. Juli 44 im Feuilleton der 90er Jahre verarbeitet? Mich interessiert dieses Datum mit seinem ganz eigenen Pathos hier einzig als Narrationsmodell, das Identifikationsangebote bereitstellen soll. Viel von dem täglichen Sozialkitsch der Jurek-Texte läßt sich über diesen Prätext erklären. "Stauffenberg blieb höflich - seine Stimme klang unverändert. Doch die drei Finger seiner linken Hand umspannten mit heftigem Zugriff seine Aktentasche, die er dicht an sich gezogen hatte" (159). 207 geht es allererst um die Feier eines überkommenen Sozialtyps. Jureksic Park. "Das gesamte Präferenzsystem jener [die für die Produktion und Verbreitung von Kultur zuständig sind, (Pressejournalisten)] [...] findet sich wahrhaft darin wieder, das sie sich äußerst häufig für Eigenschaftsbezeichnungen begeistern, die umstandslos Fasziniertheit von aristokratischen Qualitäten im naivsten Sinn aussprechen (vornehm und kultiviert, auserlesen, geistvoll und feinfühlig, exquisit). Dieser systematische Anspruch auf Distinguiertheit, dieses fast peinlich- methodische Sich-abgrenzen von Geschmack und Eigenschaften, die am klarsten mit der etablierten Kleinbourgeoisie und den unteren Klassen assoziiert werden, zählt tatsächlich zu den bezeichnendsten Ausdruckformen dieser neuen Variante von kleinbürgerlichem Ethos; sämtlichen Verhaltensweisen seiner Vertreter teilt es eine Art Anspannung in der Lockerheit selbst mit."[27] Man versteht diesen angestrengt-vornehmen Ton nicht richtig, sieht man ihn nicht in seiner Koppelung mit einem spezifischen Verständnis von Bildung. Bildung, könnte man sagen, als einer Anhäufung von Stoffmassen. Die Jureks "haben kein spielerisches Verhältnis zum Bildungsspiel; [...] Bildung mit Wissen gleichsetzend, meinen sie, ein Gebildeter sei, wer einen unermeßlichen Schatz an Wissen besäße, und können es nicht fassen, verkündet er [...], daß Bildung in ihrer einfachsten und erhabensten Form sich reduziere auf den Bezug zu ihr ('Bildung ist, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat')".[28]
In 207 findet sich eine ganze Serie von Topoi gebündelt: die existentielle Teilhabe an Weltgeschichte; die Tafelrunde, die Möglichkeit, ausgesandt zu werden, mit den Wichtigen am Tisch zu stehen, da, wo was passiert; Jugend natürlich, "Verzeihung, Monsieur. Sie haben doch nichts gegen die Jugend?' 'Doch, ich habe alte Leute lieber."[29], das Opfer - dpa, 3.Mai 96: "Im vergangenen Jahr sind weltweit 51 Journalisten bei der Ausübung ihres Berufes getötet worden" - und die Idee der Intervention. "'Beeilen Sie sich bitte, Stauffenberg!' rief der Generalfeldmarschall Keitel drängend. [...] 'Sofort!' sagte der Oberst. 'Ich hole nur noch meine Aktentasche.' Claus Graf von Stauffenberg stand jetzt allein im Vorraum der Baracke. [...] Dann öffnete er seine Aktentasche mit schnellem, sicherem Griff. Das alles tat er mit den drei Fingern seiner linken Hand" (163). Es sind alles Männer, die fürs Humane fechten, Jumans - wo kämen wir sonst hin mit der Weltgeschichte? "'Und die Aktentasche?' 'Die stellen wir zwischen uns.' Die Gräfin lachte auf" (139). Wie früher das Schwert. 207 zementiert eine strukturell männerbündische Position.
In der Narration '20. Juli', in 'Haltung 207' kristallisiert sich vor allem eines heraus: die Erfahrung der Aktentasche. "Der Oberst Claus Graf von Stauffenberg aber stellte seine Aktentasche unter den Kartentisch - knapp zwei Meter von Hitler entfernt. Kurz danach verließ er unbeachtet den Raum. Es war 12.37 Uhr."[30]
Aber was ist eigentlich eine Aktentasche? "wozu? ich mag nichts wissen von dir, mann / mit dem wasseraug, mit dem scheitel / aus fett und stroh / der aktentasche voll käse"[31] Bei Aktentaschen weiß man nie genau, wie man dran ist oder genauer, was drin ist. Texte? Handfeuerwaffen, schiere Gewalt? Ganz Unglaubliches? Überraschung! Die Aktentasche ist die 'Einsatz'-Metapher. Die 'Interventions'-Metapher. Sie ist das große Versprechen, der Gadget, der die Geschichte laufen läßt. "Zu gewissen Zeiten werden gewisse Personen mit Missionen betraut. [...] Mehrere Minister hatten schon den Geist aufgeben müssen, doch noch immer befand sich die Tasche im Besitz des eigentümlichsten Individuums. Dieses Individuum stellte gewissermaßen eine Macht dar. [...] Seinerseits schrieb der Ledertäschchenbesitzer von Zeit zu Zeit in inländische und benachbarte Zeitungen teils abfällig beurteilte, andersteils beifällig aufgenommene Artikel, damit man annehme, er sei Journalist. Nebenbei spielte er ungewöhnlich lieb, süß und schön Klavier. Ihrerseits war die Spionin von einer Eskorte umgeben. Die Mitglieder derselben trugen jeden Moment losgehen könnende Revolver. Alle diese Herren gingen häufig am Täschchenträger dicht vorbei. [...] Der Schuft wußte genau, auf was es die Schuftin abgesehen hatte, die mies und zugleich fabelhaft schön gekleidet war. Die Regierung traute der Spionin nach wie vor. Die Eskorte bebte vor Erregtheit. Das Land war voll bestürzter Gesichter."[32]
Bevor ich es vergesse: Treffen sich Kohl, Mitterand und Ernst Jünger in einer Oberförsterei - das ist kein Witz. Sagt der Erste: "LČon Bloy beschäftige ihn gerade wieder". Sagt der Zweite: "'Er war', sagt Mitterand, 'ein merkwürdiger Katholik.' Und er zitiert aus dem Kopf eine längere Stelle, in der Bloy den Geruch brennender Menschenkörper rühmt [sagt der Dritte]. Und es zeigt sich, daß auch Kohl nicht nur das Werk Bloys kennt, sondern auch die Debatte, die es in kleinen, elitären Zirkeln ausgelöst hat." Wir haben unseren Kanzler unterschätzt. Hieß es bislang, daß er keinerlei Sinn für Beileidstourismus habe, sitzt er plötzlich doch da in Jüngers Oberförsterei und kann locker mitrühmen, wie lecker sowas riechen kann. Lecker Menschenfleisch. "Wo zwei Männer über einen längeren Zeitraum ungestört miteinander reden, wird es, wenn sie nicht sehr aufmerksam sind, 'wie von selber' eintreten, daß sie [...] sich der Männerpaarübung in der Position 'Böser Bube' hingeben. 'Böse' = die eigene Denkkraft / Originalität unter Beweis stellen."[33] Auf alle Fälle ist es den heiligen drei römisch-deutschen Königen mit ihrem Kamel in der Oberförsterei ziemlich gruselig zumute. Dabei ist Jünger noch nicht mal 100. Viel gesagt wird beim 'Gipfeltreffen' nicht. Von Mumien läßt sich eben nicht unbegrenzt Papier abrollen. Aber es mußte einfach einmal gesagt werden: "Mit der Linken wäre es auch weitergegangen, nur nicht auf diesem Niveau."
Alle drei Monate kommt im Fundbüro der Deutsche Bahn AG am Hackeschen Markt in Berlin unter den Hammer, was in Zügen und Bahnhöfen so alles vergessen wurde: "Wenn dann die geschlossenen Aktenkoffer zum ersten, zum zweiten, zum dritten aufgerufen werden, ist die Gaudi der 150 Interessenten, meist Stammpublikum, jedes Mal riesig, fast so groß wie bei Insektensammlungen oder freizügigen Urlaubsfilmen. Nur Hoffmann kennt den Inhalt genau. 'Mancher ersteigerte sich für 80 Mark schon ein kleines Vermögen', berichtet der Berliner Fundbürochef der Bahn, 'andere"[34] ein belegtes Brötchen. Bei Flaubert findet man Aktentasche im 'Wörterbuch der Gemeinplätze': "AKTENTASCHE Eine Aktentasche unter dem Arm verleiht einem das Aussehen eines Ministers"[35]. (Mancher trägt auch nur die Tasche des Professors.)
Was ist das überhaupt für ein Wörterbuch? Oder vielleicht erst einmal: Was ist überhaupt ein Wörterbuch? Wörterbuch wie Edition sind mit die ersten Textsorten der Germanistik, in Gelehrtensatiren häufig Metaphern für Staubfresserei. Was diese Textsorten so beliebt macht, ist ihre vermeintlich reine Empirie. Wir gehen ins Feld und sammeln die Wörter ein. Und haben dann das Feld im Schrank. Erst im DUDEN ist die Germanistik mit beiden Beinen auf dem Boden. Für alle da. (Bei der Abwicklung der DDR-Akademien sind Wörterbücher und Editionen bezeichnenderweise die ungefährdetsten Projekte.)
Da sehr viel Information auf engstem Raum untergebracht werden muß, ist die Form der Wörterbucheinträge stark reglementiert. Nicht gerade ein Ort für Eleganz. Was Wörterbücher dagegen so faszinierend macht, ist die Fülle des Materials, das sie zusammentragen. Der Eintrag 'Arbeit' etwa in 'Geschichtliche Grundbegriffe', dem Lexikon, das auf Historische Semantik spezialisiert ist, umfaßt 60 Seiten, das Grimmsche Wörterbuch braucht für Wortgeschichte und Verwendungsweisen von 'Arbeit' und 'arbeiten' allein schon 6 Spalten.
Wo kein Semantik-Lexikon letztlich funktionieren kann, wo man die Bedeutung, den Gebrauch und Mißbrauch einer Sprache nie fest definieren, klassifizieren, verschreiben und vorschreiben kann, ist es hilfreich, sich einzelne Funktionen der Textsorte Wörterbuch vor Augen zu führen, beispielsweise "ein corpus juris zu konstituieren, das die Kraft des Gesetzes besitzt und das keiner in Zukunft nicht beachten darf."[37] Ein Lexikon dient der Formierung. Man muß mit ihm umgehen können. Von seiner Gesamtanlage her ist es primär als kulturelle Selbstbeschreibung einer bestimmten Disziplin oder Szene zu lesen.
Was macht man jetzt mit Lexika, die kein Material haben. Henscheid will Deutsch ohne Arbeit haben. Arbeit ist für ihn Dummdeutsch. (Dummdreist klingt an.) Wie kommt er da drauf? "Insofern schließt die Kollektion Dummdeutsch in ihrem kritischen Impetus, von den Ur-Ziehvätern und Prototypen Kraus und Tucholsky nicht ganz zu schweigen, auch durchaus an ältere Sammlungen an wie Sternberger/Süskinds Wörterbuch des Unmenschen, an Karl Korns Sprache in der verwalteten Welt, an Adornos Jargon der Eigentlichkeit, ein wenig sogar an Viktor Klemperers Lingua Tertii Imperii - LTI von 1946" (7f.). Ok, er will in die Reihe der bedeutsamen Namen, Literaturgeschichte, Geistesgeschichte, ich bin Tucholsky heute, Karl Kraus, Adorno klar, "ein wenig sogar Klemperer", Klimax Klemperer, Henscheid ist 'ein wenig sogar Klemperer'; das alles hilft nicht so sehr viel weiter. Aber nehmen wir Nr.1 aus der Reihe, das 'Wörterbuch des Unmenschen', was schreibt das zu Arbeit? In der ersten Fassung von 1945 noch nichts. Einträge zu Arbeit treten erst ab Mitte der 50er Jahre auf. Es sind insgesamt zwei, der ältere ist von 1957: 'Frauenarbeit'. Das stört Gerhard Storz. Er profiliert dort einen Gegensatz von 'Arbeit' und 'Leichtigkeit', der sich durch die Komposita hindurchzieht. "Wie verfährt aber, um an eine weitere Spezies unserer Gattung zu erinnern, das Wort 'Bildungsarbeit'? Genau umgekehrt. Es verscheucht alle Leichtigkeit und Heiterkeit, die man in Griechenland und Rom und späterhin im europäischen Humanismus mit den Gegenständen und mit der Weise der Bildung zu verbinden pflegte".[38]
1967 wird das im Artikel 'Erarbeiten' noch weiter zugespitzt, "nicht nur Marxens wegen", die 50er Jahre sehen sich plötzlich herausgefordert: "Es sind immer eher die Schriftgelehrten, die Intellektuellen, die Sachverständigen zumal, die sich mit der Arbeit brüsten, gerade als suchten sie eifrig zu verbergen, worauf es doch eigentlich bei ihrer Wirksamkeit ankommt: Geist. Man muß es seufzen hören. Wenn man den Schweiß nicht riecht, die ächzende Mühsal nicht vernimmt - und zwar in aller Öffentlichkeit-, so taugt es nichts. Leichtigkeit steht nicht im Kurs, man versteckt sie besser. Tatsächlich 'arbeiten' diese Gremien wesentlich, indem sie reden."[39] Dolf Sternberger liefert hier die Basisunterscheidung, mit der die Jureks heute noch immer operieren: die zwischen 'Arbeit' und 'Arbeit im Stillen'. Es liest sich wie ein Lehrstück in puncto 50er Jahre. Daß alles am Ende nicht mehr so recht mit dem sprachpuristischen Rahmen des Unmenschen-Lexikons übereinstimmt - in dem man sich natürlich selbst nicht wiederfindet, alle anderen schreiben schlecht - macht nichts. Der Eintrag schließt: "Es ist nicht geradezu ein unmenschlicher Wortgebrauch, aber doch ein ungeistiger. Es kann einem die Laune gründlich verderben, sogar die Laune an der Arbeit."[40]
Der emphatische Arbeitsbegriff der 68er, der Sternberger und Henscheid in die Quere kommt, ist darauf aus, Arbeit transparent zu machen. Er ist eine Metapher für Prozessualität. Die Jureks und die Geister der 50er wollen Prozessualität nicht. Sie wollen Arbeit nicht sehen, sie wollen Abschlüsse, Autorität. Mit auf Dauer gestellter, sichtbarer Arbeit, als notwendigem Ingrediens der Selbstaufklärung von Aufklärung, haben es Geltungsansprüche von Großkonzepten wie Volk und Vaterland naturgemäß nicht so leicht. Die Kulturpolitik der Jureks zielt ab auf eine fundamentale Diskreditierung des Arbeitsbegriffs. Ganz konsequent richtet sich Henscheid in seinem Dummdeutsch auch gegen 'Projekt'. ("Projektquatsch", wie der Artikel im Vorabdruck in der FAZ noch hieß.) "Die Erinnerung an den schwebenden, unsicheren Projektstatus einer fixen Idee wachzurufen widerspricht einer Praxis, derzufolge gelungene Projekte zu Werken erklärt werden, erfolgreiche Projektmacher dann deren Schöpfer heißen und als ihre Urheber gelten; wohingegen man den Rest, gescheiterte Projektmacher, mißlungene Projekte, beim Namen nennen und damit als Abfall behandeln kann. [...] [D]ie hyperkritischen Reaktionen der Intellektuellen geben zu erkennen, daß der projektmacherische Status ihres Tuns Betriebsgeheimnis zu bleiben hat."[41]
Den Einträgen bei Sternberger/Storz/Süskind kann man jedoch über ihren Status als Dokument eines zugutehalten: Sie sind noch aufgeteilt in Worterklärung und Wortgebrauch. 'Dummdeutsch' dagegen ist eher eine Schwundstufe der Lexika, auf die es sich bezieht. Was fehlt, ist genau eins: Arbeit. Hier will jemand ein Lexikon ohne Arbeit haben. Und stellt folglich nicht mehr als sich selber aus. Seine Ressentiments. Die Haltung der Einträge ist die des Witzelns. Witzeln ist nicht witzig. "Man soll Witz haben, aber nicht haben wollen; sonst entsteht Witzelei"[42], witzeln ist hilflos. Die Witzelmänner haben selbst nichts anzubieten. (Und wären doch so gerne 'Klemperer'.) "Am Ende seiner gegen den 'Versöhnungsterror der bundesrepublikanischen Provinz' gerichteten Glossen [...] schrieb Karl Heinz Bohrer Anfang 92: 'Vielleicht wäre es am besten, der Merkur legte in Zukunft ein kleines Wörterbuch des Gutmenschen an. Dahinein gehörten 'die Mauer im Kopf einreißen' oder 'Streitkultur' oder 'eigensinnig' oder 'Querdenker'. Darauf haben wir mit Spannung, aber leider vergeblich gewartet. Die Situation wurde seither nicht besser, so daß wir uns gezwungen sahen, das Projekt selbst in Angriff zu nehmen."[43] Also: Bohrer sagt, das muß man mal machen, machen wirs also. Reichts da nicht aus, Bohrer zu lesen?
Die Haltung des Witzelns ist komplementär zur 'Haltung 207'. Beide Stillagen, das Feierliche und das Witzelnde, bedingen einander. Das rührt von einem grundlegenden Defizit her. Beiden Haltungen fehlt vor allem eins: Selbstironie.
'Dummdeutsch' ist nur eines der Anti-68er-Lexika, die in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen, Unmensch, Gutmensch, 'die anderen', und die alle die Komposita von Arbeit brav durchhecheln, etwa: Rainer Jokschies: Aus dem neuen Wörterbuch des Gutmenschen. Eichborn 1988; Matthias Horx: Wörterbuch der neunziger Jahre; Klaus Bittermann und Gerhard Henschel (Hg.): Das Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache. Edition Tiamat 1994; Klaus Bittermann und Wiglaf Droste (Hg.): Das Wörterbuch des Gutmenschen. Bd. II: Zur Kritik von Plapperjargon und Gesinnungssprache. Edition Tiamat 1995. Wo kommen diese Lexika alle her? Läßt sich dieser Ton zurückverfolgen?[44] Mitte der 60er Jahre entsteht eine der Zeitschriften, die für das Verständnis von dem, was in der Bundesrepublik als intellektuelle Satire gelten soll, prägend sein wird: pardon. Sie ist dies noch für die Beiträger der Gutmenschen-u.a.-Sammlungen, die über die pardon-und-folgende- Lektüre sozialisiert sind. 1973 erscheint Eckhard Henscheids erster pardon-Beitrag im Auswahlband: 'Teuflische Jahre 10. Das Witzigste aus pardon-Jahrgang 1972.' Es ist ein Wörterbuchauszug. Henscheid ergänzt die 'Lexikon der Erotik'- Beilage der Zeitschrift 'Jasmin'. Ein Ausschnitt: "Zuckerrohr Vulg. für Penis etc. Im Emsland auch: Zuckerrübe. [...] Zulu- Neger Stamm der Bantu-Neger. Berühmt für seine absolute Einfallslosigkeit und Durchschnittlichkeit der sexuellen Praxis, insbesondere des Beischlaf (Koitus) [...] Zweckianer Anhänger der Lehre, daß der Zweck des Lebens der Koitus sei"[45] usw. Im selben Band findet sich auch ein Artikel von Karlheinz Deschner: "Runter mit der Glorie von Günter Grass". 1972 ist jetzt 24 Jahre her. Grässlicher als Grass ist inzwischen noch der Topos 'Grass'.
Sei's drum. Derjenige gewinnt, der die beste Geschichte erzählt. Die Jureks sind das nicht. Zur besten Geschichte gehört immer 'Arbeit'.
© bei Markus Krajewski und Harun Maye, Version 1.0, 20.10.1996.