Von Peter Krapp
"Flower-bells toll not
Their echoes roll not
Upon my ear;
There still, perchance,
That gentle spirit haunts
A fragrant bier."
Was gibt es zu lesen, von Glas, hier und jetzt? Das Denken des Restes assimiliert, speichert, aber fällt hinter den Rest zurück (und läßt fallen, siehe 1b und 150b). In dem selben Moment, in dem man es zu dechiffrieren, zu kommentieren, zu lesen glaubt, wird man selber vom Rest her beobachtet. Wie wäre denn Glas zu lesen? "Il y a - toujours - déjà - plus d'un - glas. Il faut lire Glas comme singulier pluriel (chute de l'or dans la double séance). Il a son bris en lui-même, il s'affecte et résonne aussitôt de ce dégàt litteral.". [1] Zwar hat Jean-Luc Nancy das Stichwort aufgenommen (in seinem Buch Être singulier pluriel), und die Reverenz vor der Referenz auf Dissemination durchzieht Glas; aber hat es je eine Lektüre von Glas gegeben? Kann es sie geben? Eine der ersten Kommentatorinnen, Gayatri Spivak, durchsetzt ihr Glaspiece mit der wiederholten Behauptung "I can read Glas" (als Ritus der Vorfahren: 22, als Gegenfiktion der Kryptonymie: 24, als Legende: 25, als Faltung der Falte: 26, als Ausspielung von Genet gegen Hegel: 32, als Einschließung des frühen Derrida in Bernstein: 43...). Was wäre das für eine Lektüre von Glas? Zugestanden: wenn Glas vollkommen unlesbar bliebe, so hätte Derrida wohl auf der ganzen Linie versagt, solange bestimmte Aneignungsbewegungen möglich bleiben. Manchen scheint Glas denn auch eine Vortäuschung bestimmter Schreibweisen: "When designers of computer software examine the pages of Glas or Of Grammatology, they encounter a digitalized, hypertextual Derrida". [2] Bevor jedoch Glas mit Textdesign verrechnet wird, bleiben einige Fragen zu klaeren, denn eine hypertextuelle Organisation kann Lektuere nicht simulieren. Die Frage ist demnach, ob der Rest so retroaktiv ist, daß er Lektüre schlichtweg verhindert, oder ob es nicht doch zwei plausible Lektürepfade gibt, die den Rest arbeiten lassen. Es geht aber, das sei vorausgeschickt, weder um deren Ausspielung gegeneinander noch um eine Aufhebung oder Synthese, sondern um eine Diskussiongrundlage, die Glas gerecht würde.
Ds Projekt einer Dekonstruktion der hegelschen Aufhebung hatte Derrida schon früh angekündigt, in seinem Aufsatz über Hegels Semiologie [3]. Derridas Hegel wird in Glas weder logisch noch historisch gehisst, sondern systematisch. Hegel, dem die Gespaltenheit von Glas einleuchten sollte, da er schreibt: "Die Thesis und die Antithesis und die Beweise der selben stellen daher nichts dar als die entgegengesetzten Behauptungen, daß eine Grenze ist und daß die Grenze ebensosehr nur eine aufgehobene ist; daß die Grenze ein Jenseits hat, mit dem sie aber in Beziehung steht, wohin über sie hinauszugehen ist, worin aber wieder eine solche Grenze entsteht, die keine ist." [4] Es ist schwer, Hegel zu vergessen, und wahrscheinlich noch schwerer, sich unhegelianisch an ihn zu erinnern. Doch gegen Hegel, der behauptet, der Unterschied überhaupt sei schon der Unterschied an sich [5], sind Erinnerungen einzulegen. Etwas zum Aufheben, und etwas, was bleibt: das Wort "Aufhebung" selbst ist es, worauf Hegels System letzlich undialektisch beruht, denn es heißt zugleich konservieren, hochheben und auflösen. Diese Bedeutungen schließen einander aus, werden aber simultan gelesen, in einem nicht-partikularen und nicht-universellen Hier und Jetzt. Das Wort Aufhebung wird somit zur Bedingung dialektischer Raumzeit, und nicht umgekehrt; es ist eigenartigerweise das Einzige, was nicht aufgehoben wird.
Derridas Beschäftigung mit Hegels Hinweg-Setzungen finden einen Kulminationspunkt in Glas. Seine Lektüren sind jedoch nicht zu verwechseln mit einer Enthegelung, sondern bemühen sich um eine paradoxe, limitrophe Randständigkeit im Beharren auf dem irreduziblen Rest. [6] "Die différance - die also nicht der dialektische Widerspruch in jenem Hegelschen Sinne ist", schreibt Derrida, "markiert die kritische Grenze der Idealisierungsvermögen der Aufhebung überall da, wo sie direkt oder indirekt operieren können. Sie schreibt den Widerspruch oder besser - da die différance irreduzibel differierend und disseminierend bleibt - die Widersprüche ein." [7] Seit 1967 war für Derrida klar, daß er seine Aufmerksamkeit auf eine Dekonstruktion der Aufhebung lenken würde [8], da diese die Triebfeder jener Dialektizität ist, die mit der Metaphysik von Platon bis Hegel eng verbunden ist.
Viele zyklopische Kommentatoren halten es nun, wie Baptist und Lucas etwa, für ratsam, "sich dem schwerzugänglichen Weg über Umwege anzunähern, auf denen das philosophische 'ambiente' erhellt wird, in dem ein Buch wie Glas entstehen konnte." (140) Wie konnte das passieren? Was ist geschehen? Als ob es ein rein kontingentes und mit Kontext, Intertext oder Prätext verrechenbares Buch wäre. Glas ist in sich mehrfach gespalten und bringt dies auch zur Sprache; die Mehrzahl der Kommentatoren nimmt dies zum Anlaß, Partei zu ergreifen: für die Hegel-Kolumne, für Systematisierung, für Familie und Christentum, gegen Genet, Exkremente, Homosexualität, Verbrechen. Als ob es eine Wahl gäbe. Derridas "démarche bâtarde", diese Lektüre der Familie aus dem heraus, was sie übersteigt und ihr widersteht, wird gerne übergangen. Diese klassich heterosexistische, phallozentrische Position möchte das vergeistigte Begehren familial, monogam und sittlich halten und ist somit eine der großen hegelianischen Ausschlußfiguren. Hat die spekulative Dialektik, so fragt Genet in Glas, keinen anderen Platz für den Schwulen als im Gefängnis?
Das ist nicht die einzige Lektüreoption, die beiseite fällt wie verwehter Pollen. Bei der Produktion von Bedeutung und Nachwuchs mit Hilfe des Zufalls, wie sie in der Botanik niemanden verwundert, hat Derrida wiederholt Termini wie Dissemination und Invagination entliehen, und die Blume, von Hegel über Bataille bis zu Genet, zeigt sich in Glas allenthalben. Geoffrey Hartman dachte deswegen auch, "Glas is philosophy's Fleurs du Mal rather than its death knell." (22) Die Totenglocke läutet dennoch - für den natürlichen Vater, für Hegel, für Nietzsche - nicht aber für "Muttersöhnchen" Genet... Anstatt sich dieser Thematik zu stellen, wird gerne behauptet, eine wichtige Funktion der rechten Spalte sei es, "daß sie heuristisches Material und Interpretationsmuster für die Lektüre der linken Spalte bereitstellt, in der es um Hegel geht." ( Baptist/Lucas 168) Die Frage nach dem Rest, die das ganze Buch bewegt, ist allerdings keine Frage mehr, wenn man es sich so einfach macht. Sobald aber solche unmöglichen, unverdaulichen Widerstände sich auf den zweiten Blick als quasitranszendentale Bedingungen der Möglichkeit von Hegels System fungieren, zeigen sie dessen eigene Unmöglichkeit.
Glas erinnert andererseits manche Kommentatoren, nicht nur den Hypertext-Vorreiter George Landow, an Joyce. Das begegnet einem auch in den vermeintlich "fortgeschrittenen" Einführungen: "Glas bears to critical discourse a relation like that which Finnegans Wake holds with the novel. Excesses of innumerable sorts court unreadability. It is is difficult, then, to say we have 'read' Glas" - und schon gibt Vincent D. Leitch auf. [9] Anstelle einer Rephilosophierung tritt hier die Zähmung durch Vergleich mit dem Unvergleichlichen: "Entgegen einem möglichen literarischen Vorbild, dem Finnegans Wake von James Joyce, scheinen diese fragmentarischen Anfänge und Schlüsse jedoch nicht aufeinander zu verweisen oder aneinander anzuknüpfen." Das passiert, wenn man links und rechts nicht gemeinsam liest, getrennt halten will. ( Lucas, 432) Auch die Konstanzer Bibliothekare wunderten sich über Glas und lieferten sich eine Schlacht mit dem Händler, die im Einband dokumentiert ist. Sie reklamierten wiederholt die vermeintlich fehlenden Seiten am Anfang und am Ende: "Es fehlen die Seiten 1-6 und 291-296" (11.11. 1980). Antwort: "Immer wieder reklamiert eine Bibliothek. Ich habe die Seiten, die absolut nicht fehlen, numeriert." (06.02. 1981) Retourkutsche: "leider wurden die fehlenden Seiten erst bemerkt, als das Buch vom Buchbinder zurückkam" - Antwort: "Buch ist ganz vollständig. Buchgestalter wollte Gags machen und begann Buch mitten im Satz und beendete es ebenso. Ich habe mehrmals kontrolliert und kann Ihnen hundertprozentig sagen, daþ Buch ABSOLUT KOMPLETT ist." Handschriftlich ist auf Französisch dazu angemerkt: "cherchent du complet - tristes imbeciles!" Anfang und Ende, um das noch einmal klarzustellen, sind hier keineswegs unverbunden, sondern inszenieren als Schleife die Relektüre des ungelesenen, des sich entziehenden Rests: "je ne suis accessible, lisible, visible que dans un rétro-viseur" (Glas 97b). Es handelt sich um eine Galerie von zwei Texten, die einander gegenüber schreiben, einander bewahren, einander verlieren (Glas 53b).
Daß Glas eine repräsentationale Fiktion ist, bleibt jedoch ein ernstzunehmener Lektüre-Vorschlag: zum einen die Fiktion der Unmöglichkeit jeglicher unmittelbarer Form der Darstellung, zum anderen die der Notwendigkeit, die Fiktion der eigenen Fiktionalität zu fiktionalisieren; in Eugenio Donatos Worten, Glas ist ein exemplarisches Emblem des Bedürfnisses von Fiktion, sich selbst als Fiktion zu allegorisieren. Seine Präsentation ist nicht gegeben, sondern das Produkt einer "komplexen und künstlichen Fiktionsmaschine". (26) Ihr Klang wird, futurum exactum, erklungen sein. Doch haben wir hier wirklich nicht mehr als "eine Art von maschinellem Automaten, der sich auslöst und agiert, ohne etwas besagen zu wollen" (Amelunxen 309)? Ein literarischer Text also, oder ein Text, der von den Resten der literarischen Institutionen magnetisiert ist (vgl. Conley 78). Interessanterweise bezeichnet Riffaterre, der von einem "book-length Talmud of a very short Hegelian dictum" schreibt, Glas als typisch für den intratextuellen Typ von Intertextualität, wo der Intertext zum Teil im Text integriert ist und wegen seiner stilistischen und semantischen Inkompatibilität mit ihm in Konflikt gerät. Glas ist somit, wie Riffaterre meint, "a monument to intertextuality" und als Ganzes nur eine Glosse des ersten Satzes oder die Summe des "und" zwischen "hier" und "jetzt" (636).
Lassen wir diese Vorbemerkungen, hier und jetzt, zerfallen in einer letzten Drehung: Literatur im herkömmlichen Sinne mag es nicht sein, aber außer Acht und ungelesen lassen kann man diese Anmutungen nicht. Hegel korrigieren zu wollen andererseits heißt aber, ihn zu feiern, wie auch Spivak einsieht; die Aufhebung der verklammerten Texte von Genet und Hegel zerstört, um zu bewahren. Hegel, "der letzte Philosoph des Buches und der erste Denker der Schrift" [10], ist der Gigant, an dem man nur wachsen kann, ohne ihn je zu überwinden. Da Dialektik von Widerständen nur profitiert, muß man warnen; John Llewelyn behauptet sogar in tiefster Glasnostalgia (33), mit Glas gesprochen gebe es keine schlechte Lektüre (vgl Glas 231ai), denn wenn diese begrenzt schlecht sei, dann müsse sie als eingeschlossen und inbegriffen gelten im Hegelschen Text des absoluten Wissens; wenn sie aber unendlich schlecht sei, so wäre das absolute Wissen eben nicht das selbsterfüllte absolute Wissen, was ihm als Hegelianer als unmöglich gelten muß.
Die Selbstpräsenz des hegelschen absoluten Wissens kennt überdies kein Vergessen, sondern der Geist hat, wie Hegel schreibt, "alle Stufen der Vergangenheit noch an ihm" und Arbeit am Vergangenen ist immer Beschäftigung "mit Gegenwärtigem". [11] In der "abstrakten Mnemosyne" wird zu sprachlichen Zeichen des Gedächtnisses, was vorher "bewußtlos" aufbewahrt war; der Fortgang zum reinen Denken der Signifikanten ist gesichert durch das "mechanische" Gedächtnis, wie Hegel selbst sagt: erst das sprachliche Zeichen gewährt dem Gedächtnis "die hohe Stellung der unmittelbaren Verwandtschaft mit dem Gedanken". [12] Dieser Präsentismus scheint wiederzukehren im Gewand modischer Hypertext-Begeisterung; und wenn dieser Text als solcher auf dem Netz verfügbar ist, so zunächst als Ansatz zu einer Widerlegung dieser Naivität: weder Glas noch sonst ein Text, nicht einmal dieser kläglich kurze, wird je hinreichend stereoskopisch und sofort lesbar gewesen sein.
Derridas eigene Lektüre in Glas kann also nur *zu gut* sein, meint Llewelyn, zu gut in seiner perestroika oder "Umwertung der Aufhebung" (38). Dem müßte man sich anschließen, wenn man nicht teilt, was René Wellek von Glas glaubte: "it falls between three stools; it does not give an aesthetic experience, it is not literary criticism, and it is not good philosophy." [13] Die drei Möglichkeiten hätte jede Glas-Lesegruppe durchzuspielen, bevor die Arbeit richtig beginnt... So oder so: die Spur (trace) der Sendung (carte) geht verloren im Intervall (écart) dieses zerklüfteten Textes, doch es bleibt für den aufmerksamen Leser eine virtuelle Wirkung gerade jener Falte: Dialektik von Erinnerung und Vergessen, Verdrängung und Arbeit - "il faut écrire dans l'écart entre plusieurs styles". [14]
© bei Markus Krajewski und Harun Maye, Version 1.0, 08.02.1997.