Raumgewinne und Zeitverluste VERSTŸRKER. next up previous

Raumgewinne und Zeitverluste

 

Das Strukturparadigma des Erz”hlens und damit die Wahrnehmungsmuster der Literatur sind im Begriff, sich zu ”ndern. W”hrend f¸r gedruckte Literatur das Zeitger¸st basal bleibt und das Erz”hlen weiterhin entlang einer Zeitachse erfolgt, zeichnet sich Literatur in Netzwerken durch Verr”umlichung des Erz”hlgebildes, durch Raumerschlieþung mit Hilfe des Lesens aus.

Wie konstituiert sich jedoch Spannung ohne konventionelles Zeitger¸st, wenn das sukzessive Erz”hlen entf”llt? Der Hyperleser ist erm”chtigt, sein Blick autorisiert. Der Autor hat ihn vor zahlreiche Entscheidungen gestellt, wie es den Raum der Erz”hlung zu durchmessen gilt. Anstatt Informationen, aufgereiht auf der Zeitachse zu konsumieren, sammelt er Mosaiksteinchen der Geschichte, Episoden, zerlegt in Erz”hlbausteine, verbunden durch Hyperlinks, aufgelesen mit dem Mauszeiger, um sein eigenes (Ab-)Bild der Erz”hlung zu rekonstruieren. Jeder Hypertextabschnitt, bildet eine Erz”hleinheit, Meme der Erz”hlung,gif deren Zeitpunkt der Aufnahme unerheblich ist. Der Wiedereinstieg in die Geschichte gelingt an jedem Ort, aus jedem Fragment und korrumpiert damit die Zeitstruktur der Erz”hlung. Der klassische narrative Spannungsbogen einer sukzessiven Romanlekt¸re findet allenfalls innerhalb der Episoden seine Anwendung. Im makroskopischen Gef¸ge der Gesamterz”hlung jedoch, m¸ssen andere Mittel verwendet werden, um den Leser weiterhin zu fesseln. So wirkt zun”chst die Komplexit”t einer Geschichte, die Undurchschaubarkeit ihrer Struktur auf den Leser, die er durch den Besuch verschiedener Schaupl”tze reduzieren muþ. Im weiteren Verlauf der Lekt¸re, nachdem er Erz”hleinheiten kontingent gesammelt, Bedeutungen geschaffen hat, steuert ihn der Wunsch nach mehr Wissen ¸ber die Personen, einerlei wo und in welcher Reihenfolge es zu finden ist. Die Neugierde h”lt den Leser an, zu lesen: nach weiteren Episoden, nach mehr Geschichtchen zu suchen, die die Nuancen in den Pers–nlichkeiten der handelnden Personen zu Tage f–rdern. Personen sind verdichtete Geschichten!

Der Raum setzt sich zu einem dreidimensionalen Mosaik zusammen als Spurensammlung der individuellen Leserreisen durch die Bausteine der Erz”hlung. Kreuzungspunkte. Knoten. Netz. In der Druckversion der Quotenmaschine werden diese Kreuzungspunkte beispielsweise symbolisiert durch das mehrfach verwendete Bild eines benutzten Pr”servativs, von dem aus die Geschichtsstr”nge verzweigen.gif In dieser Lekt¸re bestimmt der Raum die Wahrnehmung. So verzweigt statt einer Inhalts¸bersicht der Einstieg der Hyperfiktion ebenso wie in der Druckversion zu einer Karte von New York, auf der durch unterschiedliche Symbole die einzelnen Schaupl”tze angezeigt werden. Der Leser muþ unterschiedliche Schaupl”tze aufsuchen, um die Geschehnisse zur¸ckzuverfolgen und f¸r sich zu entwerfen. Jedes beschriebene Ereignis vermittelt weitere unchronologische Geschehnisse, die in naher und entfernter Verbindung zum gerade Erz”hlten stehen. ´Klickª f¸r ´Klickª setzt sich der Hyperleser sein Mosaik des Mordfalls Maxx Rutenberg zusammen. Er entscheidet sich beispielsweise f¸r den mit Zara bezeichneten Ort im Stadtteil Queens. Dort wird der Leser Zeuge eines Liebesaktes zwischen Ray, alias Maxx, und Zara. Dabei widerf”hrt Zara eine Kindheitserinnerung an eine Reise durch Kenia, die sich der Hyperleser mit ´Klickª auf Massai vergegenw”rtigen kann. ´Klickenª, um zu erblicken. Der Leser wird zum Detektiv und damit ebenfalls zum Autor. Er st–þt auf den Aufruf, aktiv am Roman mitzuschreiben, um das Werk zu einem Kollektiv auszubauen, das den Einfallsreichtum einer einzigen Person ¸bersteigt. Die komplexe, nicht-lineare Struktur w”chst und verzweigt sich interaktiv weiter. Das Rhizom wuchert.

Anders verh”lt es sich mit Mirjam, zu deren Geschichte REGINA BERLINGHOF keine Einfluþm–glichkeiten seitens der Leser ber¸cksichtigt hat. Der Roman h”lt unbeirrbar am Erz”hlen entlang der dominierenden Zeitachse fest. Eindimensional. Gleichwohl erscheint die Sprache der Erz”hlung dem Sujet angemessen. Linear erz”hlt, tendiert sie ganzheitlich dem ¸bergeordneten Prinzip des Themas (der Liebe als alles ¸berwindende Kraft) verpflichtet zum verkl”renden Gestus der Mitteilung.

Er [Jesus] sah mich an. Nie werde ich diesen Blick vergessen. Ein flehender Blick, geboren aus Verzweiflung und Gram, der nur eins sagte: `Rette mich.' [...] Wir sahen einander an - und wir sahen uns selbst und die Liebe, die uns verband. Nichts anderes gab es mehr - nur uns beide und unsere Liebe. Nackt und klar erkannten wir sie. Unsere K–rper neigten einander zu. Unsere H”nde fanden sich, langsam und zart, erf¸llt von dem Wunder der Liebe. Unsere Leiber erzitterten unter der Ber¸hrung, ein Schauer inniger, zarter und dann immer m”chtiger werdender Lust durchfloþ meinen ganzen Leib. Unsere Augen blieben ineinander geheftet, unsere Blicke durchdrangen sich, tauchten in die Liebe und m¸ndete wieder in sie ein - unsere Ber¸hrungen, unsere K¸sse, die Bewegungen unserer Leiber. Wir l–sten unsere Kleider. Die Liebe trug uns und machte uns frei. Unsere K–rper waren K–rper, die geliebt wurden und die lieben durften. Nichts schob sich mehr zwischen unsere Liebe - kein Gedanke an Ehebruch oder an Verrat am Herrn, kein Gedanke an Sch¸ler, Pruschim oder Jehuda oder Alpheios. Es gab ¸berhaupt keine Gedanken. Nur Sehen, F¸hlen, Sp¸ren, Wahrnehmen - unsere Liebe und den langsamen Tanz unserer K–rper, die einzig der Liebe und dem ihnen eingeborenen Gesetz folgten. [...] Es war, als h–be die Liebe die Trennung von Geist und Leib auf, als erfuhren pl–tzlich linke und rechte Hand, daþ sie nicht eigene abgesonderte Wesen sind, sondern gleichberechtigte Teile eines gr–þeren Ganzen - der Liebe selbst.gif

Die Quotenmaschine arbeitet indes u.a. mit Gedankenstr–men, die j”h abbrechen. Ungeradlinig. Alinear. Arabesk. ``Mal dem Summen nachge/Kalte Eisenklinke. K¸hlschrank! Was zu essen k–nnt ich jetzt.''gif Weiterhin befinden sich in der Quotenmaschine zahlreiche Wortneusch–pfungen, die die Flexibilit”t und Anschluþf”higkeit des Gemeinschaftswerks dokumentieren und herausfordern.

Immer wieder waren im Gedr”nge M”nnschen gegen sie gestoþen, hatten sie dazu gezwungen, Energie zur Verteidigung zu verwenden.gif
Das Dunkel des Mordfalls kreiert die Unbestimmtheit, welche dem Leser spontane Beitr”ge erlaubt. Beispielsweise w”re es nach der Beschreibung des Mordes denkbar, daþ das Opfer Kippler gar nicht den Tod gefunden hat, und bleibt daher in die kollektive Weiterf¸hrung der Geschichte reintegrierbar. Zahlreiche weitere Anschluþm–glichkeiten bieten sich dem Hyperleser. Folgerichtig enth”lt die gedruckte Version des Romans eine (fingierte) Fortsetzung mittels der abgedruckten e-mail eines Lesers.
Ich sehe es geradezu als meine ”sthetische Pflicht, die hier fehlenden Striche zu erg”nzen. Mein Versuch geht dahin, diese Stelle, diesen fabul–sen Ausgangspunkt zu benutzen, um ein Kapitel zu schaffen, daþ einer weiteren Schreibtheorie folgt, [...] Schaffe mit deinem ersten Satz Neugierde auf den zweiten und mit dem zweiten Neugierde auf den dritten.gif
Damit wird jede ¸bergeordnete Orientierung an der Zeitachse, die den Raum einer Episode ¸berschaut, obsolet.

Nach dem konstatierten Tod des Autors best”tigt sich die ``Funktion Autor'' als kollektive Bewegung hypertextuellen Schreibens. Das Zuschreibungsverh”ltnis der Autorschaftgif wird multifiziert zu zahlreichen Autoren, die diskursiv und unabh”ngig voneinander Beitr”ge zu einem gemeinsamen Werk leisten. Diese M–glichkeit besteht jedoch erst mit einem elektronischen Netzwerk, das allen Beitragsproduzenten durch die mehrwegige Kommunikationsstruktur st”ndige, einfluþnehmende Verbindung erm–glicht. Mit den Produktionskan”len ”ndern sich ebenso die Wege der Distribution. Empfangen heiþt Senden heiþt Empfangen. Wenn jeder Besucher eines Netzknotens erst zum Leser, dann zum Autor wird, erh”lt JOSEPH BEUYS postum recht: Jeder ist ein K¸nstler. Literatur schreibt sich nicht selbst, sondern kollektiv.

Die Autorfrage stellt sich gleichermaþen f¸r literarische als auch f¸r wissenschaftliche Texte, insoweit diese Unterscheidung noch zul”ssig ist.gif In der Wissenschaft wird der Diskurs in Netzwerken seit langem gepflegt. Diskurs in Netzwerken heiþt hier in Texten, die mittels Fuþnoten zwar auf andere Texte verweisen, die Verbindung allerdings nicht vollziehen (k–nnen). Die Fuþnote bleibt lediglich ein metaphorischer Hinweis auf Textstellen in unangebundenen B¸chern, weil unplugged. Das wissenschaftliche (Hyper-)Schreiben hingegen verf¸gt ¸ber die M–glichkeit, unter Verzicht auf die ¸bliche Effekthascherei, indem auf andere Diskussionen verwiesen wird (``Aha, die hat Foucault gelesen!''), die relevanten Debatten direkt mittels Hyperlink zu implantieren. Diskurse der Wissenschaften generieren sich aus elektronischen Netzen, intra- wie interdisziplin”r: auf dem Weg zum ultimativen Wissenschaftsbuch.

F¸r die klassische Philologie und insbesondere die Hermeneutik ergeben sich in Zukunft schwerwiegende Probleme, sofern sie gezwungen sind, ihre Quellenbasis irgendwann um elektronische Texte zu erweitern. W”hrend die zu untersuchenden Werke sich mitunter aus unterschiedlichen Textfassungen, Korrekturen oder Palimpsesten zusammensetzten bzw. rekonstruieren lieþen, und damit die Interpretation erleichtert oder gar erst erm–glicht wurde, entf”llt diese Option f¸r elektronische Texte vollst”ndig. Elektronischer Datenm¸ll wird nicht abgeheftet, sondern aus dem Magnetfestspeicher getilgt. Denn elektronische Schrift ist nichts als Simulation ihrer selbst. gif

Gegenw”rtig konstituieren sich innerhalb der Germanistik Arbeitsgruppen, die die ver”nderten Produktionsbedingungen von Sprache, Literatur und Kultur im medialen Wandel untersuchen. gif


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Markus Krajewski
Fri Oct 18 18:24:26 MST 1996