In die oben beschriebene Netzstruktur eingewirkt befindet sich eine
weltumfassende Textur vornehmlich aus Worten, genannt
Hypertext.
Auf den Knoten des Netzwerks liegen
Texte abrufbereit, die mehr als die zwei Dimensionen des Blattes Papier
anbieten. Einzelne W–rter des Textes sind am Bildschirm farblich oder
mittels Unterstreichung hervorgehoben. Diese Sprungmarken
(Hyperlinks) verweisen auf die Adresse eines anderen Knotens,
dessen Text durch Anw”hlen mit der Computermaus anstelle des vorherigen
nun angezeigt wird.
Jeder Hypertext verlangt vom Leser vielfache Entscheidungen, ob die jeweils aktuelle Zeile weitergelesen, oder aber die Spur eines hervorgehobenen Wortes verfolgt werden soll. Die eindimensionale Textzeile und damit die Papierfl”che erfahren durch st”ndigen Aus- und Einstieg eine Dimensionserweiterung. Die Ebene des Papiers wird mit Hilfe des Hyperlinks durchstochen, um den Text mit einem weiteren Text auf einer anderen Ebene zu verbinden. Raumgewinn.
Allerdings komponiert sich Hypertext nicht nur aus zu prozessierenden
Worten. Bilder und T–ne sind gleichfalls in das Gewebe eingebunden, das
damit eine Synthese der verschiedenen bedeutungstragenden Symbole bildet.
Da im elektronischen Netzwerk derzeit noch kein Knoten existiert, der
umfassende Daten zu RICHARD WAGNERS Konzeption des
Gesamtkunstwerks bereith”lt, sei an dieser Stelle noch metaphorisch
auf ein Buch verwiesen, anstatt explizit zu verzweigen auf einen Ort im
Internet.
Seitdem das Grammophon Kl”nge oder Ger”usche, das Kino Bildsequenzen oder Farben speichern kann, muþ Literatur auf die Fiktion sinnlicher Datenfl¸sse verzichten und eine neue, schreibmaschinelle Materialgerechtigkeit entwickeln.Die Anforderungen an die Literatur im Zeichen (Typenrad) der Schreibmaschine zeigen sich schnell ¸berholt angesichts der M¸ndung sinnlicher Datenfl¸sse in den Ðbertext. Der Anspruch ``schreibmaschineller Materialgerechtigkeit'' virtualisiert sich, indem in elektronischen Netzwerken Kl”nge, Farben und W–rter miteinander verschmilzen. Synaisthesis. Bilder, T–ne, Worte, Einstiege, Ausstiege, Abspr¸nge in andere Hypertextpassagen erlauben der Dimension des Textes, keine eindeutige, ganze Zahl mehr zu besitzen. Analog zu Gebilden der Mathematik, die innerhalb der sog. Chaosforschung bekannt gewordenen Apfelm”nnchen von BENOIT MANDELBROT, wird einem Text fortan eine gebrochene, fraktale Dimension zugewiesen.![]()
Die Analogiebildungen und Reaktionen auf das Prinzip Hypertext reichen
weit. Algorithmus: Beginne die Aufz”hlung mit
der N”he zur amerikanischen Romantik. Demnach verkl”rte diese Str–mung
zeitgen–ssische neue Medien, z.B. den Telegraphen, als das
Technologisch-Erhabene ebenso wie dies derzeit dem Hypertext
widerf”hrt. Die euphorischen Theoriebildungen verbergen jedoch nichts
anderes als die ``tiefe Verunsicherung durch die digitale
Revolution.''
Setze die Liste fort mit der oben erw”hnten fraktalen
Dimension eines Textes und dem ebenfalls der sog. Chaosforschung
entlehnten Prinzip der Selbst”hnlichkeit von Strukturen. Ðber die
Intertextualit”t mit ihren unterschiedlichen Textrelationen wie
Einlagerung, Kreuzung, Verschaltung, Wieder- und Gegenschrift fremder
Texte oder mit NIKLAS LUHMANN: ```Intertextualit”t'
[...] ist nichts anderes als ein Resultat der durch die Zeit
erzwungenen st”ndigen Neubeschreibungen'',
gelange schlieþlich zur
Dekonstruktion.
Hypertext gilt als die Verwirklichung postmodernen Schreibens, der
Hyperlink als die Umsetzung der DERRIDAschen
différance, ``die als zeitliche und r”umliche Spur die
kulturell kontingente Beziehung zwischen Signifikat und Sigifikant
aush–hlt.''
Der Hyperlink
legt eine explizite Verbindung vom hervorgehobenen Wort als Signifikant zu
einer Bedeutung anderenorts als Signifikat.
Texte, die anstatt eines kontinuierlichen Fluþes, nach WILLIAM
S. BURROUGHS Cut-Up-Methode nur noch aus Fragmenten bestehen, ”hneln
nicht nur der Form nach dem Textausschnitt einer Hypertextpassage. So
wundert es nicht, daþ zeitgen–ssische Texte nicht allein in
konventioneller Form beim Buch”ndler oder in Archiven lagern, sondern auch
Analogie in elektronischer Umsetzung finden: Hypertexte mit literarischen
Vorbildern.
Einerlei wie weit diese Analogien zutreffen, bleibt es, n¸chtern zu konstatieren, daþ der so gefeierte Hypertext eine besondere Form der Autor-Leser-Relation hervorbringt.
Die Arbeit von Autor und Leser konvergiere, dabei gebe der Autor Autorit”t an den Leser ab. [...]
Der Leser/Autor hat nicht den Status eines souver”nen, ordnenden Subjekts, sondern wird quasi als Knotenpunkt konzipiert, der sich durch den Text bewegt.![]()
Neu ist diese Relation indes nicht. Lediglich vermag ein Hypertext,
dieses Prinzip in aller Deutlichkeit zu verwirklichen. Die offenere Form
der Autor-Leser-Beziehung ist analytisch vielfach schon in der Moderne zu
verwirklichen versucht worden. Dem Leser sollte eine aktivere T”tigkeit
des Lesens zukommen. So liegt es beispielsweise in WALTER
BENJAMINS Passagenwerk oder MARCEL PROUSTS Auf der
Suche nach der verlorenen Zeit am Leser, die Textabschnitte produktiv
miteinander zu verschalten oder den Text als optisches Instrument -
gleich einem Vergr–þerungsglas - zur Einsicht in das Geschriebene, aber
vor allem in sich selbst zu nutzen: ``In Wirklichkeit ist jeder Leser,
wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.''
Eine Schreibweise
zu verwirklichen, die dem Leser gr–þere Unabh”ngigkeit vom Autor zuweist,
blieb in der Moderne mit Schwierigkeiten behaftet. Der theoretische
Versuch STEPHANE MALLARMéS mit dem Entwurf des
``entpers–nlichten Buchs'' den Autor zu entmachten und damit den Leser
zu autorisieren, hat die Konzeptphase nie ¸berwunden.
Immerhin scheint diesem Unterfangen
sp”ter in der Fiktion mehr Erfolg beschieden zu sein.
Wenn Oskar mit seinem ungebundenen Buch auf dem Dachboden oder im Schuppen des alten Herrn Heilandt hinter Fahrradgestellen hockte und die losen Bl”tter der Wahlverwandtschaften mit einem B¸ndel Rasputin mischt, las er das neu entstandene Buch mit wachsendem aber gleichwohl l”chelndem Erstaunen, sah Ottilie z¸chtig an Rasputins Arm durch mitteldeutsche G”rten wandeln und Goethe, mit einer ausschweifend adligen Olga im Schlitten sitzend, durchs winterliche Petersburg von Orgie zu Orgie schlittern.Die Versuche fanden ihre Fortsetzung mit Texten von MARC SAPORTA, JULIO CORTáZAR, ARNO SCHMIDT oder THOMAS PYNCHON, die mit dem Konzept Hypertext praktischerweise schon auf dem Papier experimentierten.![]()
Dar¸berhinaus versuchten bereits NOVALIS und FRIEDRICH
SCHLEGEL in der Fr¸hromantik, das absolute Buch zu verfassen und
damit die Einheit der Welt zu finden. Beide experimentierten mit
Textfragmenten, wobei aus den Teilen eo ipso das Ganze entstehen sollte.
Hypertext. Schreiben als Arabeske in Umwegen anstatt aufgereiht in
gerader Linie.
Dennoch sind bislang all diese Konzeptionen des ultimativen Buches --
nicht zuletzt am Medium des begrenzten Raums eines Papierblatts --
gescheitert. Auch wenn einzelne Projekte in sich derart komplex und
selbstbez¸glich sind,
miþlingt dennoch der Versuch, die Grenzen des eigenen Werks zu
¸berwinden, um die Auþenwelt anzubinden.