VERSTÄRKER: Nr. 0, Thomas Mann von Harun Maye VERSTÄRKER. Von Strömungen, Spannungen und überschreibenden Bewegungen
Jg. 1, Nr. 1, Oktober 1996, ISSN 1431-6102. Herausgegeben von Markus Krajewski und Harun Maye

Die Verfolgung und Ermordung Johann Wolfgang von Goethes dargestellt durch ihre Königliche Hoheit Thomas Mann unter Anleitung des Herrn Felix Krull

Von Harun Maye

Indem ich die Tastatur ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit - gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so daß ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärtsschreiten können), indem ich mich also anschicke, einige Bemerkungen über den Hochverrat an der deutschen Dichtung (begangen von dem Schriftsteller Thomas Mann; Kontaktname: IM "Zauberer") in diskreten, normierten Zeichen, die allen universellen Maschinen eigen sind, dem nervösen Datenprozessor anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem technischen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin. Allein, da alles, was ich mitzuteilen habe, sich aus Simulakren, Simulationen und Dissimulationen zusammensetzt, Stoffen also, die eh nur noch von Maschinen oder Hochstaplern vollkommen beherrscht werden können, so könnte jener Zweifel höchstens den mir zu Gebote stehenden Zettelkasten sowie die Qualität der philologischen Sammelleidenschaft betreffen, und in diesen Dingen geben regelmäßige und wohlbeendete Studien nach meiner Meinung mehr den entscheidenden Ausschlag, als natürliche Begabung und eine gute Kinderstube. An dieser hat es Thomas Mann nicht gefehlt; doch aus Gründen mangelnder Zeit der Recherche und der Präsentation soll hier auf eine sicherlich sehr interessante biographische Lektüre verzichtet werden, ebenso auf ein 'close reading' der Bekenntnisse eines Hochstaplers unter den Aspekten von Mimesis oder Simulation. Unter der Diktatur eines gymnasialen Deutschaufsatzes könnte es dafür nur ein Urteil geben: Thema verfehlt. Wie also kann dieser Gauklertrick (von einer thematisch festgelegten Studie - die ihr Thema verfehlt - sagen, es sei eine thematische Studie) vor einem doch sicherlich enttäuschten Leser noch rechtfertigt werden? Darüberhinaus wird der Text fast nur aus Zitaten bestehen, was nicht ganz zu Unrecht den Eindruck von Faulheit und bloßer Paraphrase hinterläßt. Die Feststellung, daß die Form der Projektvorstellung immer schon ein Plagiat enthält, mag da kaum überzeugen. Beruhigend zu wissen, daß es Analogien zum Wissenschaftsbetrieb gibt:

"Reflexionsgruppen tendieren zur Ankündigungspolitik. Es wird versprochen, verheißen, an-visiert. Es ist die Stunde des Projektemachens. Zu dieser Kunst gehört insbesondere der Nachweis der Durchführbarkeit, der Machbarkeit solcher Vorhaben. Der gute Wille, oder, näher zur real organisierten Forschung, Zeit und Geld, reichen dafür nicht. Entscheidend ist, etwas zu wissen - und zwar jetzt, zu diesem Zeitpunkt, am Beginn -, was man noch nicht weiß. Wie soll man sonst den Weg zu den erwünschten, aber eben noch-nicht-gewußten Ergebnissen finden? All das ist wissenschaftlicher Alltag."

Unschwer erkennbar handelt es sich bei diesem Paradox um eine Simulation. Wenn man dazu noch der hermeneutischen Behauptung folgen möchte, daß etwas nur aus sich selbst heraus verstanden werden kann, dann ist es offensichtlich, daß man ein Schreiben über die Simulation nur simulieren kann. Wie aber kann man ein Schreiben über Simulation, das selber simuliert ist, noch methodisch kontrollieren? Höchstens indem die Simulation es vermeidet in ihre alte Geste des Täuschens, Vestellens, Betrügens etc. zurückzufallen, d.h. sie kann dem nie entkommen - schon jeder Schreibakt ist ja eine Ver-stellung - sondern darf über ihre Täuschung nicht hinwegtäuschen, muß diese Geste immer offen zeigen. Dieser double-bind verhindert die Fixierung einer Aussage "über" die Simulation, die sonst nicht reflektieren würde ein Opfer ihrerselbst zu werden. Von der Simulation reden, kann nur ihren Mechanismus meinen, ent-blößt von aller vorgängigen Etymologie und Semantik. Einer der ersten Briefe von Thomas Mann von 1889 (An Frieda Hartenstein) kann da sehr aufschlußreich sein. Er beginnt so: "Ich beginne unsere Korespondenz mit einem Citat..." Am Anfang des Schreibens des damals 14jährigen Lyrisch-dramatischen Dichters (so unterschreibt er diesen Brief) steht also die Einsicht in das Prinzip der Reproduktion als dem Kelch, woraus das Schreiben der Moderne fließt. Vorausgreifend läßt sich schon sagen, daß Thomas Mann speziell reproduktive Operationen einsetzt, um "Classicität auf die Jetztzeit hin zu reaktualisieren". Um also Wissen, das man entweder noch nicht hat oder gar nicht mehr haben kann, trotzdem jetzt, zu diesem Zeitpunkt, am Beginn zu haben, scheint Reproduktion notwendig zu sein. Wie aber den Beginn beginnen? Am besten mit einem Zitat. Thomas Mann z.B. beginnt seine Erzählung Herr und Hund so:

Ein Idyll

"Wenn die schöne Jahreszeit ihrem Namen Ehre macht und das Tirili der Vögel mich zeitig wecken konnte, weil ich den vorigen Tag zur rechten Stunde beendigte, gehe ich gern schon vor der ersten Mahlzeit und ohne Hut auf eine halbe Stunde ins Freie, in die Allee vorm Hause oder auch in die weiteren Anlagen, um von der jungen Morgenluft einige Züge zu tun und, bevor die Arbeit mich hinnimmt, an den Freuden der reinen Frühe ein wenig teilzuhaben"

Peter Handke, der ebenfalls ein Frühaufsteher ist, hatte dazu folgendes zu sagen:

"Wenn ein Thomas Mann als der größte deutsche Schriftsteller dieses Jahrhunderts gilt, dann hat doch das Schreiben überhaupt keinen Sinn. Wer dem nachfolgt, ist für mich schon verloren. Gerade vor ein paar Tagen habe ich wieder Herr und Hund von ihm gelesen. Da ist gleich der erste Satz so, daß man spürt, der das schreibt, ist sich dessen gewiß, eine Gemeinde zu haben, die auf seinen bestimmten Tonfall hört. Also er fängt nie wirklich an, sondern schreibt in dem Bewußtsein, daß er der Thomas Mann ist. Das ist doch verwerflich. Diese Prosa ist völlig verdorben. Ein schrecklich schlechter Schriftsteller ist das."

Auch Hans Erich Nossack wußte auf die Frage "Was halten Sie von Thomas Mann?" nur folgende Antwort:

"Von Anfang an, d.h., als ich noch sehr jung und kaum ein Anfänger war, ist mir der Stil von Thomas Mann ein warnendes Beispiel dafür gewesen, wie man auf keinen Fall schreiben darf. Sein Stil ist nämlich, und der Meinung bin ich auch jetzt noch, nicht der Ausdruck einer Persönlichkeit, sondern eine großartig gekonnte Pose, durch die der völlige Mangel an Originalität verborgen wird. Selbst seine vielgerühmte Ironie ist keine echte Ironie, die auf Distanz zu sich selbst beruht, sondern auch nur ein Kostüm, in dem sich ein Sentimentalist verkleidet. So ist der Stil von Thomas Mann, leider muß es gesagt werden, für mich der Inbegriff der Unehrlichkeit und der Feigheit."

Der Stil von Thomas Mann als Simulakrum, als serielle Reproduktion ohne Original, Pose statt Persönlichkeit wie bei Felix Krull; alles eine große Fälschung? Oder fängt er nie wirklich an, weil er vielleicht längst jeden Begriff von Anfang und Ende verloren hat bzw. nie über Anfänge hinauskommt? Thomas Mann ist aber kein Anfänger, sondern Literaturnobelpreisträger. Vielleicht sollte man den Grund, warum 'der Peter Handke' den 'Thomas Mann' nicht mag besser dort suchen, wo alles anfängt: Am Anfang. Die Geburt der Dichtung aus dem Geist der Philosophie beginnt mit einer Unterscheidung: "Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt...; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte". Am Anfang war also nicht das eine Wort, oder der Seufzer, der die deutsche Dichtung einleitete, sondern immer schon diese Unterscheidung. Später wurde dann aus dem Geschichtsschreiber der Journalist bzw. einfach nur der Schreiber. Schreiber sind Menschen, die hinter "gemeinen Küchentischen" sitzen, "Akten und Schreibzeug vor sich" haben und Sätze sagen wie: "Doktor der Philosophie!", rief er und lachte höhnisch, "Dir werden wir's austreiben, Freundchen!". Dies alles erregt Furcht und Abneigung im Herzen eines Dichters. Um sich von den Schriftstellern, die ganz mechanisch Wort an Wort, Satz an Satz anschließen und das Schreiben nicht als Zweck, sondern nur als Mittel betrachten, abzugrenzen, entwickeln die Dichter für sich im 18. Jh. den Geniebegriff. Diese binäre Opposition (Dichter vs. Schriftsteller ) wird als ein Mediencode der Literatur des 18. und 19. Jh. eingeführt. Nach Georg Jäger arbeiten Mediencodes auf der Grundlage einer "Wert/Unwert-Dichotomisierung von Präferenzen", sie konfrontieren jedes vorkommende Item mit der Möglichkeit, Wert oder Unwert zu sein. Literarisch wertvoll ist ein Gegenstand oder Ereignis also nur dann, wenn das Prädikat 'dichterisch' darauf zutrifft. Dementsprechend werden in der klassischen Gattungstrias auch Lyrik und Prosa bewertet, weshalb romantische Romane auch so daran interessiert sind, Gedichte und Lieder zu integrieren. Kein Jäger kann da durch den Wald gehen ohne Horn und Gesang. Aber wie sieht es im 20. Jh. aus? Schauen wir ausnahmsweise einmal an den Schluß und hören was ein Berliner Professor für Ästhetik und Mediengeschichte dazu zu sagen hat:

Wie wir alle wissen und nur nicht sagen, schreibt kein Mensch mehr. Schrift, diese seltsame Art Software, laboriert wohl an ihrer unheilbaren Verwechslung von Gebrauch und Erwähnung. Wer heute schreibt, kann nicht umhin festzustellen, daß die Unterschiede zwischen Schreiben und Programmieren mittlerweile gegen Null gehen. Es ist dieselbe Maschine, auf der Texte und virtuelle Bilder entstehen..."

Mit der Miniaturisierung und Normierung von Schrift durch diskrete Zeichen ist der Akt des Schreibens selbst, als die wesentliche Geste des Dichters, verschwunden. Eine Geste, von der Vilem Flusser folgendes sagt:

Die Geschichte beginnt strenggenommen mit dem Auftauchen der Geste des Schreibens, und das Abendland ist die Gesellschaft geworden, die durch Geschriebenes denkt. All das ist im Begriff, sich zu verändern. Das offizielle Denken einer immer bedeutenderen Elite äußert sich in der Programmierung kybernetischer Datenbanken und Rechenanlagen, die eine andere Struktur haben als die Geste des Schreibens. Und die Massen werden durch die Codes technischer Bilder programmiert und in diesem Sinn wieder Analphabeten (der Systemanalytiker braucht nicht zu schreiben, der Computer funktioniert ohne Alphabet, und der Massenmensch hat es nicht nötig zu lesen, das Fernsehen informiert ihn ohne Buchstaben). Die Geste des Schreibens ist im Begriff, eine archaische Geste zu werden, durch die sich eine Seinsweise äußert, die durch die technische Entwicklung überholt ist. Man kann gegenüber dieser Entwicklung einen optimistischen Standpunkt einnehmen. Die Geste des Schreibens ist tatsächlich eine ärmliche, primitive, wenig effiziente und kostspielige Geste. Überdies hat die Inflation geschriebener Texte die Geste entwertet: jeder ist ein Schriftsteller, das macht nicht mehr viel her. Schreiben ist also weder wirksam noch als Äußerung einer Existenz wertvoll. All das ist wahr. Und doch gibt es diejenigen, die sich nicht zu dieser Wahrheit durchringen wollen."

In einer Abwandlung von Flusser kann man die Schriftsteller des 20. Jh. in zwei Klassen einteilen: in die dummen, die sich noch fragen: "Was will ich sagen?" und die klugen, die fragen: "Durch welche Hindernisse muß ich hindurch, wenn ich noch einmal sagen will, was andere schon vor mir gesagt haben?" Die letztere Frage hat sich Thomas Mann gestellt, als er versucht noch einmal ein Dichter zu sein in einer Zeit, wo es keine Dichter mehr gibt. Deswegen muß er den Dichter simulieren. Die technischen Aufschreibsysteme von 1900 bedingen das Ende der Schöpfung aus dem Geiste (Dichter), hin zu dem Gerechneten der Textoperationen (Schriftsteller als Operateure/Ingenieure der Sprache). Literatur entsteht als eine Anwendung von Mathematik. Die Maschinen spucken Körper und Logos ihrer Schöpfer aus, wie ein Auto beim Frontalunfall seinen Fahrer aus der Windschutzscheibe schleudert. Wer noch versucht sich anzuschnallen, wird zwischen dem Blech zerquetscht. Die einst von Immanuel Kant für das Ästhetische proklamierte Kategorie des "dynamisch-Erhabenen" (gedacht als alles, was größer als der Mensch ist und ihn überwältigt, als alles vor dem er sich fürchtet) kulminiert in universellen diskreten Maschinen, ganz gleich ob es sich dabei um Computer, Schreibmaschinen oder Guillotinen handelt. Der Thomas-Mann-Biograph Klaus Harpprecht schildert diese Simulation des Literarischen und Persönlichen so:

"Schopenhauers pessimistisch relativierender Einfluß war nicht genug, Thomas Mann von der Anbetung des Genialen zu befreien, in der er sich heimlich verzehrte. Was die eigene Person anging, gebot ihm die Klugheit, sich meißt mit vieldeutigen Annährungen an den Begriff zu begnügen. Die Familie durfte ihn später den "Zauberer" nennen. Er selbst attestierte sich mit unbeirrbarer Entschlossenheit, daß er nicht so sehr ein Schriftsteller , sondern ein Dichter sei. Damit kam er dem Verehrungswillen des deutschen Publikums willig entgegen. Dichter - und nicht etwa ein Literat. Das war der entscheidende Maßstab."

Weil Dichter aber seit dem 18. Jh. gezwungen sind, Lyrik zu schreiben, und Thomas Mann genau weiß, daß er keine entsprechenden Verse produzieren kann, fragt er sich bei einem seiner seltenen Versuche, dem Gesang vom Kindchen, ob nicht vielleicht die bloße Form schon ausreicht, und formuliert 'Ursprung', Inhalt und Ziel seines Hermann und Dorothea gleich schon in der ersten Zeile: "Bin ich ein Dichter? War ich's zuweilen?" Wenn er sich dennoch erfolgreich als Dichter kommunizieren will, muß er eine andere Strategie wählen: die Simulatio Goethes. Denn Goethe, nach dem das Zeitalter der Genies benannt ist, steht metonymisch für die deutsche Dichtung überhaupt. Folgerichtig kann Thomas Mann in der amerikanischen Emigration - im Land des Journalismus und der Massenmedien! - von sich sagen: "Wo ich bin, ist deutsche Kultur!", mit allen Implikationen, die das bereits Gesagte wieder für die deutsche Kultur hat.

Die Simulatio Goethes funktioniert nach einem abgewandelten Merkspruch Sigmund Freuds: "Wo er (Goethe) war, soll ich werden!" Er will nicht 'der Goethe des 20 Jahrhunderts.' werden, sondern Goethe selbst. Die Imitatio schlägt in eine Simulatio um, d.h. das große Vorbild wird solange verfolgt, nachgeahmt und berechnet, bis die Durchstreichung zu einer Ausstreichung (Tilgung) wird. Thomas Mann nimmt die Stelle Goethes ein, seine Reproduktionen haben kein Urbild mehr und werden total. Thomas Mann hat vielleicht mehr als andere und wesentlich früher als die Systemtheorie erkannt, "daß 'imitatio' zu leichtfällt und deshalb keine Bewunderung verdient; nur schwierige, auf Täuschung hinauslaufende Imitation kann sich als Kunst (nach ihrem Ende im Aufschreibsystem um 1900 - H.M.) behaupten. (...) Das erfordert - ebenfalls alte Lehre! - ein Verbergen der Mittel, mit denen die Effekte erreicht werden." Unter dem schönen Schein der Benutzeroberflächen wird immer gerechnet, egal ob es sich dabei um Schriftsteller oder Computer handelt. Natürlich hat er auch das Programm der Klassik gelesen und weiß, wie man "edle Einfalt" und "stille Größe" erreicht: Die Größe der Seele ist nur über den Schmerz des Körpers zu haben. "Körperliches Leiden scheint mir historisch eine beinahe notwendige Begleiterscheinung der Größe zu sein und das leuchtet mir psychologisch ein." (Brief an Kurt Martens, München, den 28.11.1906). Sicher, "Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet", nicht wie Thomas Mann. Seine Krankengeschichten sind psychosomatische Berechnungen eines Simulanten, der sich nicht mehr mit einer in der Romantik ausgeprägten Krankheitsmetaphorik identifizieren kann. Leiden und Größe seiner meisterhaften Protagonisten verdichten sich nicht als "ein metaphorisches Äquivalent für Zartheit, Sensibilität, Traurigkeit, Kraftlosigkeit", sondern simulieren nur noch deren Effekte, weil sonst das Adelsdiplom für deutsche Dichtung nicht ausgestellt werden kann. Daraus erschließt sich dann auch die Ablehnung Peter Handkes, der auch ein solcher werden möchte, wie einmal ein anderer gewesen ist, der sich ebenfalls als Nachfolger Goethes stilisieren will, um den gewünschten Effekt der Simulation des Dichters (Männer, die in weiten Hosen schreiben) als Abgrenzung gegenüber dem journalismusnahen Schriftsteller (Männer, die in engen Hosen schreiben) zu erzielen.

An dieser Stelle müßte jetzt eigentlich die genaue Analyse der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull als Roman der Simulation erfolgen. Normalerweise ist die Phrase "Man müßte jetzt noch..." die typische Kommunikationsform von Oberseminaren, Tagungen und Stammtischen; im Regelfall die Einleitung eines meist überflüssigen Statements, d.h. es wird auf eine noch zu leistende Arbeit hingewiesen - die immer die Hauptarbeit ist - womit der Redner suggeriert, er könne sie ganz locker erledigen, wenn er nur mehr Zeit hätte. Ausnahmsweise können wir ja mal so tun, als seien wir im Oberseminar. Tatsächlich bleiben diese Ausführungen etwas 'fleischlos' ohne eine genauere Quellenanalyse. Deswegen soll wenigstens noch eine kurzer Überlegung zum "Musterungskapitel" angeführt werden. Die Musterung ist die zentrale Passage im Roman, da von ihrem Scheitern das Gelingen der ganzen Bekenntnisse abhängt. Es ist eine Simulation der Simulation. Dem Täuschen des Militärarztes entspricht das Täuschen des Lesers. Der Arzt prüft mit derselben militärisch-technischen Genauigkeit, mit der der skeptische Leser liest bzw. lesen sollte, denn an dieser selbstreferentiellen Stelle zeigt der Text offen seinen Simulationscharakter. Es ist bekannt, daß Thomas Mann diese Stelle besonders gerne vorgetragen hat, vielleicht nicht zuletzt wegen einer Freude am Betrügen; denn wer sich laut lachend mit dem vortragenden Autor und seinem Helden über den gelungenen Betrug freut, merkt nicht, daß er selbst in diesem Augenblick auf den Leim gegangen ist, d.h. sich in Robert Musils Fliegenpapier der Erzählung verfangen hat. Die Diagnose des Arztes formuliert die Diagnose über den Text. "Die Ausmusterung Krulls heißt seinen Bekenntnissen, für tauglich befunden werden zu können"

Aber wer - außer Militärärzten! - kann heute noch Entscheidungen treffen? Schon gar über Lektüren - das kann man spätestens seit Paul de Man wissen - fällt eine eindeutige Orientierung immer schwerer. Ist es eine Mimesis? Ist es eine Simulation? Außerdem erweckt die noch ausstehende, genaue Lektüre der Bekenntnisse den Eindruck, daß jetzt (zu diesem Zeitpunkt, am Beginn) nichts produktives mehr gesagt werden kann, und vielleicht auch noch gar nicht gesagt worden ist, zumal es ja schon eine gute Studie zum Thema gibt. Was bleibt? Vielleicht eine vorige Überlegung noch einmal lesen, mit dem Wissen, daß Re-lektüren niemals nur eine bloße Wiederholung & Wiederherstellung bedeuten. Also: Wie und durch welche Hindernisse muß man hindurch, wenn man noch einmal sagen will, was andere schon vorher gesagt haben? Es kann sich dabei nicht um inhaltliche Hindernisse, oder um Schwierigkeiten mit dem Gegenstand handeln, denn was die Studie verdeutlichen will, hat sie nicht im Besitz, liegt auch nicht deutlich vor ihr, sondern muß erst (immer wieder) vorgeführt werden. Die Pragmatik verlangt Entscheidungen. Eine noch ausstehende Arbeit müßte unter Berücksichtigung der angeführten Vorüberlegungen das Paradox der Simulation entscheiden oder ins Endlose fortführen. Aber vielleicht hat ja irgendeine dieser zahllosen Veranstaltungen das Problem längst gelöst?

"Vor wenigen Jahren gab es im Whitney Museum in New York City eine Veranstaltung. (...) Die Veranstaltung, die ich meine, war auf einem großen Plakat angekündigt: JEAN BAUDRILLARD. AUSVERKAUFT. Das Wort Ausverkauft stand in großen Blockbuchstaben diagonal auf dem Plakat. Und dann, wieder horizontal: THEMA WIRD NOCH BEKANNTGEGEBEN. Sicher, wir leben in einer Zeit schneller Kunst und geschwinder Theorie. Vielleicht kommt der Tag, etwa im Jahr 1999, an dem das Museum eine neue Schau ankündigt: RETROSPEKTIVE - WERKE VON 1999 BIS 2001. KÜNSTLER WIRD NOCH BEKANNTGEGEBEN. Ich weiß nicht worüber Baudrillard im Whitney gesprochen hat, und schließlich kommt es darauf kaum an. Die Sache ist die, daß das, was hier passiert ist, eines von Baudrillards eigenen Argumenten ausgezeichnet illustriert, daß nämlich im Zentrum unseres gesellschaftlichen Systems die Simulation die Produktion ersetzt hat. (...) Der Zeichenwert besteht in diesem Fall, dem Fall von Theorie, dem Fall Baudrillards in Whitney, offenkundig im Wert des Namens, wobei der Name als die Signifikant/Signifikat-Einheit fungiert, die das Publikum anzieht; unnötig, ein Thema anzugeben; wir wissen bereits, was uns erwartet. (...) Oder könnte es sein, daß Baudrillard's Vortrag nie stattgefunden hat, daß Ausverkauft von Anfang an auf dem Plakat stand und daß deshalb nie jemand kam, um eine Karte zu kaufen?"

ACHTUNG: Dieser Text ist eine Vorversion.


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© bei Markus Krajewski und Harun Maye, Version 0.9, 11.10.1996.