VERSTŸRKER: Nr. 4, Charis Goer/Christoph Henke VERSTŸRKER. Von Strömungen, Spannungen und überschreibenden Bewegungen
Jg. 4, Nr. 4, Novmeber 1999, ISSN 1431-6102. Herausgegeben von Markus Krajewski und Harun Maye

"How do you turn catastrophe into art?"
Oder: Der Stoff, aus dem die Katastrophen sind

Ein Zwiegespräch zum "Floß der Medusa" in Julian BarnesíA History of the World in 10½ Chapters

Von Charis Goer und Christoph Henke

    [Unwissendes Auge:] Wir haben gelesen: das zweiteilige Kapitel "Shipwreck" aus dem 1989 erschienenen Roman A History of the World in 10½ Chapters von Julian Barnes. Und wir haben betrachtet: Théodore Géricaults Gemälde vom Floß der Medusa, das zuerst im Pariser Salon von 1819 unter dem Titel Scène de naufrage ausgestellt wurde und das in Barnesí Buch als Reproduktion zwischen den beiden Teilen des Kapitels eingefügt ist. Und wir haben uns mit Barnes gefragt: "How do you turn catastrophe into art?"[1] und uns Gedanken gemacht über den Stoff, aus dem die Katastrophen sind.
    [Kundiges Auge:] Die Katastrophe ist diese: Am 17. Juni 1816 stach eine französische Flotte in See, um mehrere hundert Soldaten und Siedler zur Kolonie Senegal zu bringen. Die Flotte wurde angeführt durch die "Medusa", eine Fregatte, deren adeliger Kapitän weniger wegen seiner Kompetenz als Seefahrer denn aufgrund seiner Verbindungen zu den burbonischen Restaurationsherrschern in diese Position gelangt war. Am 2. Juli lief die "Medusa" vor der afrikanischen Küste auf ein Riff auf, verschuldet durch die Unfähigkeit des Kapitäns. Zwei Tage später wurde beschlossen, das Schiff zu verlassen ñ da jedoch nicht genügend Rettungsboote vorhanden waren, ließ man 150 Passagiere, und zwar bevorzugt Leute von niedrigerem gesellschaftlichen Status, auf einem notdürftig zusammengezimmerten Floß zurück. Auf diesem alles andere als hochseetauglichen Gefährt trieben die Zurückgelassenen über zwei Wochen auf dem Meer, nach und nach dezimiert durch Verhungern und Verdursten, durch Kannibalismus, Meutereien und Wahnsinn. Am 17. Juli kam schließlich Rettung in Gestalt des Kreuzers "Argus", der zunächst nur am Horizont erschien und wieder verschwand, zwei Stunden später jedoch die kläglichen fünfzehn Überlebenden fand, von denen allerdings weitere fünf kurz nach der Bergung verstarben.
    [UA:] So weit bin ich auch kundig, das kann man ja schließlich alles im ersten Teil von Barnesí "Shipwreck"-Kapitel erfahren, in dem er im Duktus objektiver Geschichtsschreibung diesen Bericht paraphrasiert, den zwei Überlebende der "Medusa" ein Jahr nach der Katastrophe veröffentlichten. Ebendiesen hat im übrigen Théodore Géricault als Vorbereitung auf sein Gemälde Das Floß der Medusa bekanntermaßen auch gelesen, wie im zweiten Teil von "Shipwreck" nachzulesen ist, in dem es um dieses Bild geht. "It begins with truth to life",[2] steht da: Und das bezieht sich zugleich auf Géricaults Vorgehen wie auch selbstreflexiv auf den zweiteiligen Aufbau des "Shipwreck"-Kapitels selbst. Géricault hat angeblich mit dem fast aufklärerischen Anspruch auf Faktizität eines Kriegsberichterstatters nicht nur diesen Augenzeugenbericht gelesen, sondern auch mit den beiden Verfassern persönlich gesprochen, sich ein Modell des Floßes bauen lassen, ...
    [KA:] ... ja, er hat seinen Objektivitätsanspruch sogar so weit getrieben, eigens an die Küste der Normandie zu fahren, um Wasserstudien anzufertigen, und in Hospitälern und Leichenhäusern Studien von Kranken und Toten, von amputierten Extremitäten und guillotinierten Köpfen zu zeichnen. Das dokumentieren die zahlreichen Vorstudien für das Gemälde; diese, man möchte fast sagen, Realismus-Obsession, auf die Barnes anspielt, ist ein Topos der Kunstgeschichtsschreibung über Géricault.
    [UA:] Und genau dieses Vorgehen imitiert doch auch Barnes, wenn er mit seiner Erzählung im ersten Teil von "Shipwreck" sozusagen vor das Bild zurückgeht, das ja auch dementsprechend nach diesem ersten Teil als Abbildung eingeheftet ist.
    [KA:] Stimmt ñ auch am Anfang seiner Arbeit stand die Verpflichtung zur Realität, wie seine Quellenangaben in der "Authorís Note"[3]gerade zum Kapitel "Shipwreck" belegen. Dies ist allerdings eine Verpflichtung, dessen Referenz vom eigentlichen Ereignis auf andere Texte, die dieses Ereignis zu repräsentieren beanspruchen, verschoben ist ñ sowohl bei Barnes als auch Géricault, die beide ihre Kenntnisse über das vergangene Ereignis maßgeblich aus dem Bericht einer Reise nach Senegal der beiden Überlebenden Savigny und Corréard bezogen. Die Katastrophe selbst, der Schiffbruch der "Medusa", wie er historisch stattgefunden hat, ist nur in seiner Abwesenheit anwesend, ist, um mit Heidegger zu sprechen, "praesent"[4] und materialisiert sich erst zum Stoff durch seine formale, oder hier: ästhetische Präsentation in Bild und Text. Eine objektive historische Realität ist nicht mehr greifbar, sie ist intertextuell vermittelt und somit aufgeschoben, und sie wird nochmalig aufgeschoben, wenn sie ins literarische oder bildnerische Kunstwerk eingeht, um dort eine ganz andere Funktion zugeschrieben zu bekommen ñ bei Barnes wie bei Géricault.
    [UA:] Was ist also die Funktion von Katastrophen? Kunst zu werden, schreibt Barnes:

"Wie wird aus Katastrophe Kunst? Heutzutage passiert dies automatisch. Ein Atomkraftwerk explodiert? Innerhalb eines Jahres haben wir darüber ein Stück auf Londoner, New Yorker oder Berliner Bühnen. Ein Präsident wird erschossen? Dazu gibtís das Buch oder den Film oder die Buchverfilmung oder das Buch zum Film. Krieg? Schickt die Schriftsteller hin! Eine Serie grauenvoller Morde? Hört das Getrampel der Dichter. Man muß die Katastrophe verstehen, natürlich, und um sie zu verstehen, muß man sie darstellen, dazu brauchen wir die darstellenden Künste. Aber man muß die Katastrophe auch rechtfertigen und vergeben können, wie geringfügig auch immer. Wie konnte es dazu kommen, zu diesem sinnlosen Naturereignis, zu diesem Moment menschlichen Irrsinns? Nun ja, zumindest ist Kunst produziert worden. Vielleicht ist dies am Ende das einzige, wofür Katastrophen gut sind."[5]

    [KA:] Edmund Burke, der erste moderne Philosoph des Erhabenen, hat das ästhetische Potential des Gefährlichen, Schrecklichen und Schmerzvollen hervorgehoben: Er war der Ansicht, daß alles, was geeignet sei, "die Ideen von Schmerz und Gefahr zu erregen", eine "Quelle des Erhabenen" sei. Unter diesem Erhabenen verstand er "dasjenige, was die stärkste Bewegung hervorbringt, die zu fühlen das Gemüt fähig ist". Wichtig sei jedoch eine gewisse Distanz zu diesem erhabenen Objekt des Schreckens, denn, so überlegte Burke weiter, wenn "Gefahr oder Schmerz zu nahe auf uns eindringen, so sind sie unfähig, uns irgendein Frohsein zu verschaffen; sie sind dann schlechthin schrecklich. Aber aus einer gewissen Entfernung und unter gewissen Modifikationen können sie froh machen".[6] Insofern, als Kunst reale Gefahr und Schmerz mit einer ästhetischen Distanz und Modifikation verarbeitet, kann aus Katastrophe Kunst werden und diese somit nicht nur schön, sondern auch erhaben sein.
    [UA:] Vielleicht. Aber ist es nicht eine ziemlich zynische Sicht der Dinge zu sagen, daß der einzige Sinn von Katastrophen die Konstitution von Stoff für Kunst ist? Ist das der einzige 'Sinn'? Ein Ereignis wird doch dadurch zur Katastrophe, daß etwas Unvorhergesehenes passiert, was als schrecklich oder fürchterlich erfahren wird und das aufgeklärt oder erklärt werden will, um seine Wiederholung zu verhindern.
    [KA:] Der Punkt ist das Erklären-Wollen, der Akt der kausalen Sinngebung. Das schlechthin Kontingente in der Welt ist für den Menschen unerträglich und führt notwendigerweise zur Sinngebung des Sinnlosen. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski meinte einmal, daß das, wovor wir fliehen, "die Erfahrung der Gleichgültigkeit der Welt" ist und daß "die Versuche, diese Gleichgültigkeit zu überwinden", den "zentralen Sinn des menschlichen Ringens mit dem Schicksal in seiner Alltäglichkeit und seinen Extremen" bilden.[7] Ein solches Sinnpotential bietet die Kunst, wie denn auch schon Nietzsche in der "Geburt der Tragödie" behauptete, daß "nur als ästhetisches Phänomen [...] das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt" sei.[8]
    [UA:] Ob ich das Legitimation nennen würde, sei dahingestellt; aber von Ästhetisierung als Sinngebung zu sprechen, scheint überzeugend auch im Hinblick auf Barnes. Denn worum es in "Shipwreck" ja offensichtlich geht, ist die Gestaltung des Unbegreifbaren. Dabei macht der historische Stoff, die Katastrophe, eine doppelte Transformation durch, bis er bei uns als Rezipienten ankommt: der Schiffbruch ist nur vermittelt über Géricaults Bild bzw. Barnesí Erzählung, die beide vermittelt sind über Savigny und Corréards Bericht. Obwohl - um genau zu sein, muß man sogar sagen, daß Barnesí stilkopierende Nacherzählung der Erzählung, auf die als Quelle an zwei Stellen sogar illusionsbrechend angespielt wird, eigentlich ja sogar eine potenzierte Transformation ist, eine Art Transformationsschleife. Denn sie bezieht sich ja nur vorgeblich direkt auf diesen zeitgenössischen Bericht, befindet sich nur vorgeblich 'nur' auf der zweiten Entfremdungsstufe: eigentlich greift Barnes ja wohl erst über Géricault auf die beiden Überlebenden zurück.
    [KA:] Was in "Shipwreck" (I) geschieht, erscheint fast wie die Veranschaulichung der metahistoriographischen Thesen Hayden Whites, der geschichtliche Sinnkonstruktionen auf einen mythopoetischen Ursprung zurückführt, den sie mit fiktionaler Literatur gemein haben. Für White sind Ereignisse lediglich neutrale Elemente, die ihre Bedeutung erst in einem narrativen Netzwerk erhalten. Diesen Akt der Verknüpfung zu einer sinntragenden und begreifbaren Konstruktion nennt er "emplotment".[9] Geschichtsschreibung unterscheidet sich für White formal durch nichts von Literatur; beide sind Prozesse der Selektion und Kombination prä-narrativer Elemente und beiden liegen gemeinsame kulturhistorisch vorgegebene 'Ur-Fabeln' zugrunde, wohlgeformte Strukturen, etwa mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende.[10]
    [UA:] Tatsächlich ñ liest man "Shipwreck" (I) als Imitation eines Geschichtstexts des 19. Jahrhunderts, so läßt sich in der Erzählstruktur geradezu paradigmatisch das Prinzip des Whiteschen "emplotment" finden. "It began with a portent",[11] "Es begann mit einem Vorzeichen", ist der Anfang der Erzählung: ein Schiffsjunge der "Medusa"-Flotte fällt von Bord und ertrinkt trotz Rettungsfloß. Dann folgt als großer Mittelteil die Darstellung des Ereignisses: der Katastrophe um den Schiffbruch der Medusa. Und es klingt in einem Nachhall aus: ein weiteres Floß, das zweite laut Erzähler, aber eigentlich bereits das dritte in dieser Erzählung, geht unter mit jenen, die auf dem Wrack der "Medusa" zurückgeblieben waren. Eine runde Geschichte als Folge von "emplotment": "The voyage of the frigate had begun with a portent, and it ended with an echo".[12] Nur: dann kommt noch 'das Echo eines Echos': ein weiterer Zurückgelassener auf dem Wrack sucht in einem Hühnerkorb als Floßersatz sein Heil, natürlich vergeblich. Wohl nicht umsonst und in sehr doppelbödiger Bedeutung erscheint dem Erzähler das zusätzliche zweite Echo, mit dem dieser erste Teil von "Shipwreck" dann auch endgültig schließt, "as if in mockery", als Hohn auf die Geschichte und die Geschichtsschreibung.[13]
    [KA:] Nachdem Barnes den Lesern nun seine Version des Berichts der beiden Überlebenden präsentiert hat, folgt im Buch die Reproduktion des Gemäldes vom "Floß der Medusa". Géricault hat sich ñ nach zahlreichen Skizzen, die er auf der Grundlage der Erzählung entworfen und wieder verworfen hatte ñ schließlich für eine ganz bestimmte Szene der Geschichte des Schiffsunglücks entschieden. Dieser Zeitpunkt ist allerdings, wie wir wissen, noch nicht der Zeitpunkt der Rettung ñ zunächst verschwindet die "Argus" noch einmal am Horizont, bevor sie zwei Stunden später zurückkehrt und die Überlebenden an Bord nimmt.
    [UA:] Das fertige Bild, das wir sehen können, sagt uns allerdings nicht, ob dieses Schiff die Schiffbrüchigen erst später oder sofort oder überhaupt retten wird. Das ist nur aus dem Vergleich der Erzählung des ersten Teils von Barnesí "Shipwreck" mit Géricaults Bild zu entnehmen. Überhaupt basieren alle interpretatorischen Anstrengungen im zweiten Teil des Kapitels darauf, Text und Bild zu vergleichen ñ "[c]omparing paint with print".[14] Barnes fingiert einen Kommunikationsprozeß zwischen geschichtlicher Erzählung, darauf basierendem Gemälde und der darauffolgenden Rezeption. Géricaults Bild wirkt wie ein Prisma: der Datenspeicher der Ereignisse wird im Punkt des Gemäldes gebündelt, um im Spektrum der Ekphrase wieder zerstreut zu werden.
    [KA:] Dabei wird ja auch deutlich, daß Kunst ihre eigenen Regeln des Umgangs mit Realität hat, ob man es nun 'poetic licence' oder 'künstlerische Freiheit' nennt, und sie hat das Recht, Realität entsprechend zu deformieren, d. h. die Selektion und Konfiguration von Bildelementen an ästhetischen Prinzipien zu orientieren. Dies wird in Géricaults Fall nicht nur an der Auswahl der dargestellten Szene, sondern auch an vielen Detailveränderungen gegenüber der Erzählung von Savigny und Corréard deutlich, so z. B. an der Zahl der Schiffbrüchigen auf dem Floß am letzten Tag: bei Savigny und Corréard sind es fünfzehn, bei Géricault zwanzig. Außerdem dürften die wirklichen Überlebenden nach fünfzehn Tagen Hunger, Durst und blutigen Kämpfen ausgezehrt und mit Wunden übersät gewesen sein, bei Géricault sieht man dagegen nur gesunde, muskulöse Körper.
    [UA:] Sicherlich ist die Verpflichtung zu künstlerischer Wahrheit größer, wie in Barnesí Kunstkritik festgestellt wird: "Die Wahrheit des Lebens steht sicherlich am Anfang;" schreibt er, "während des Schaffensprozesses jedoch ist die Wahrheit der Kunst die größere Verpflichtung. Das von Géricault dargestellte Ereignis hat niemals so stattgefunden".[15] Aber Barnes geht es gerade um diesen künstlerischen Schaffensprozeß mit seinen Irrwegen und Sackgassen, mit seinen oft willkürlichen Entscheidungen, welche nur vom Endresultat her begründbar und geradezu unvermeidlich erscheinen.
    [KA:] Richtig: Barnesí Kunstkritiker führt dazu sogar acht alternative Selektionsmöglichkeiten für bestimmte Szenen aus der Geschichte des Unglücks an,...
    [UA:] Achteinhalb!
    [KA:] ...achteinhalb Selektionsmöglichkeiten, die Géricault ebenfalls hätte darstellen können, aber eben nicht malte. Natürlich sind diese nicht-gemalten Szenen auch wiederum eine vollkommen willkürliche Auswahl von Barnes und erschöpfen in keiner Weise die Totalität des Stoffes.
    [UA:] Achteinhalb auszuschließende Varianten zu präsentieren, ist ja schon ironisch genug und erinnert an den Kniff der zehneinhalb Kapitel des gesamten Romans. Darüber hinaus ist es dann auch noch so, daß sich Barnesí 'dekonstruktive' Analyse selbst dekonstruiert, indem sie implizit nahelegt, daß Géricault das, was er nicht malte, eigentlich doch malte. So wird unter den Szenen, die Géricault nicht malte, auch der Kannibalismus auf dem Floß aufgeführt. Später wird jedoch herausgestellt, daß die Vater-Sohn-Gruppe im linken Bildteil ein altes Kannibalismus-Motiv sei. Ebenso wird die Szene des Eintreffens eines Schmetterlings auf dem Floß als Vorbote der Rettung ausgeschlossen, da sie für Géricault ein Problem der Größenrelationen bedeutet hätte. Allerdings ist das rettende Schiff am Horizont nicht größer als ein Schmetterling, wie im weiteren Verlauf der Analyse festgestellt wird. Wenn man dies alles zusammennimmt, wird hier die Möglichkeit einer totalen "truth to life", also zur historischen Realität, dekonstruiert. Die wahrheitsgetreue Repräsentation eines historischen Stoffes im Gemälde erscheint aus ganz unterschiedlichen Gründen ein Ding der Unmöglichkeit. Aber gleichzeitig wird behauptet, daß der alternativen Wahrheit, der 'Kunstwahrheit', Genüge getan wird, indem Géricault alles malte, was er malen konnte und sogar auch das, was er nicht malen konnte. Zu dieser Aussage kann Barnes durch den 'Kunstgriff' gelangen, daß er das Gemälde nicht in seiner räumlichen Beschränkung auf einen Punkt, eine Szene beläßt, sondern eine Geschichte erzählen läßt. Wenn man so will, holt Barnes Géricaults Bild aus seiner zeitlichen Statik heraus: das Bild als fixierte Gegenwart erhält durch die fingierte Vorgeschichte im ersten Teil des "Shipwreck"-Kapitels eine Vergangenheit sowie durch die spielerische Ekphrase im zweiten Teil eine potentielle Zukunft.
    [KA:] Das erinnert mich an diese alte Unterscheidung Lessings zwischen Malerei und Plastik als Künste des Raumes einerseits und Poesie als Kunst der Zeit anderseits.[16] Nicht uninteressant in diesem Zusammenhang ist dabei auch, daß Lessing diese Grenzziehung nicht zuletzt deshalb traf, um darzulegen, daß die bildenden Künste weitgehend auf den Bereich des rein Ästhetischen beschränkt seien, wohingegen tiefe moralische Wirkung letztlich der Dichtung vorenthalten bleibt....
    [UA:] ...was aber in "Shipwreck" unentschieden bleibt, ob Barnesí Text hier etwas in das Gemälde hineinliest, oder etwas herausliest...
    [KA:] Doch davon abgesehen: ist es nicht frappant, daß, was das Verhältnis von Kunst und Welt bzw. Kunst und Mensch betrifft, auch Barnes wie seinerzeit Lessing an so etwas wie einer kathartischen Wirkung festhält, Kunst somit immer noch Ausdruck einer universalen Conditio humana sein kann? So steht da ziemlich zum Schluß: "Wir sind alle Schiffbrüchige, hin- und hergepeitscht zwischen Hoffnung und Verzweiflung, etwas anrufend, das vielleicht niemals zu unserer Rettung kommen wird. Katastrophe ist Kunst geworden, aber das ist keine Reduktion. Es ist eine Befreiung, Erweiterung, Erklärung. Katastrophe ist Kunst geworden, dafür ist sie letztlich da."[17]
    [UA:] Aber bei dieser Emphase bleibt es gerade nicht: Wie schon im ersten Teil von "Shipwreck" die Wohlgeformtheit der Geschichtserzählung durch die Verdopplung des Echos ironisiert wird, so beläßt es Barnes auch im zweiten Teil nicht bei diesem pathetischen Ausklang. Der Rahmen, der durch die Wiederholung des Diktums, daß die Katastrophe für die Kunst da sei, Geschlossenheit suggerieren würde, wird letztlich durchbrochen. Da heißt es schließlich: "Und da haben wir ihn ñ den Moment höchster Agonie auf dem Floß, durch die Kunst aufgenommen, transformiert, gerechtfertigt, verwandelt in ein abgefedertes und ausgelotetes Bild, dann gefirnißt, gerahmt, verglast, aufgehängt in einer berühmten Kunstgalerie, um unsere Conditio humana zu illuminieren, fixiert, endgültig, immer da. Ist es das? ñ Nein. Menschen sterben, Flöße verrotten, und Kunstwerke sind davon nicht ausgenommen."[18]


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© bei Markus Krajewski und Harun Maye, Version 1.0, 19.11.1999.