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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Kulturwissenschaft

Lehre

Lehrveranstaltungen an der HU Berlin seit 2016

 

Sommersemester 2018

Frantz Fanon (SE)
Mo 12-14, SO 22, 0.03

Arzt, Psychiater, Revolutionär, Theoretiker des antikolonialen Kampfes und Autor des weltberühmten Buchs „Die Verdammten dieser Erde“ (1961) – der 1925 auf der Karibikinsel Martinique geborene und später vor allem in Algerien tätige Frantz Fanon war, wie einer seiner Biographen schrieb, eine Person „mit vielen Identitäten, vielen Talenten und vielen Betätigungen“. Bereits zu Lebzeiten eine zentrale Gestalt der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, wuchs sein Ruhm nach seinem frühen Tod 1961 stetig: Fanon avancierte schnell zu einer mythischen Galionsfigur der weltweiten Studentenbewegung, später dann zu einem Klassiker der postkolonialen Studien. Im Seminar wollen wir vor allem die zentralen Kapitel seiner zwei bekanntesten Bücher („Schwarze Haut, weiße Maske“ sowie „Die Verdammten dieser Erde“) lesen und diskutieren. An ausgewählten Stellen werden wir uns auch mit der Wirkungsgeschichte von Fanons Denken bei Intellektuellen (Jean-Paul Sartre, Homi Bhabha, Judith Butler, Achille Mbembe), in politischen Bewegungen („Dritte Welt“, „Neue Linke“, „68er“, Black Power, RAF) und in den Künsten (Filmadaptionen) auseinandersetzen. Ziel des Seminars ist es, einen vertieften Einblick in Leben und Werk eines einflussreichen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zu gewinnen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

 

Etienne Balibar/Immanuel Wallerstein: Race, Nation, Class (Lektürekurs)
Di 12-14, GEO 47, 0.07

Vor genau 30 Jahren veröffentlichten der französische Philosoph Etienne Balibar und der US-amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein das Buch „Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten“ (1988 auf Französisch, 1990 auf Deutsch, 1991 auf Englisch). Ihr Essayband avancierte rasch zu einem Standardwerk der Rassismusforschung. Beide Autoren gehen darin u.a. folgenden Fragen nach: Was ist die Spezifik des gegenwärtigen Rassismus? Warum gibt es ihn trotz massiver Kritik und Kämpfe immer noch? Wie lässt sich der Rassismus mit dem Kapitalismus und dem Aufkommen des Nationalstaats (und seinen Widersprüchen) verknüpfen? Wann artikulieren sich Konflikte zwischen sozialen Gruppen und Klassen rassistisch? Das Bemerkenswerte an diesem Buch ist, dass Balibar und Wallerstein diese Fragen des Rassismus, des Kapitalismus und des Nationalstaatlichen stets als miteinander zusammenhängende und historisch bedingte Kategorien diskutieren. Interessanterweise huldigen sie damit einem Erklärungsansatz, der durchaus Ähnlichkeiten zum Argumentationsmodus der „Intersektionalität“ aufweist. Im Seminar wollen wir dieses grundlegende Buch gemeinsam Schritt für Schritt lesen und diskutieren. Wir werden uns dabei sowohl mit dem historischen Kontext auseinandersetzen, in dem das Buch entstand, als auch nach der Aktualität des Buchs in Zeiten von „neuen“ ethnischen, sozialen und nationalen Zuschreibungen fragen.

 

 

Wintersemester 2017/18

 

Migration in Deutschland. Eine politische Kulturgeschichte 1949-2010 (SE)
Mi 10-12 Uhr, GEO 47, Raum 0.10

 

Migration hat die Geschichte der Bundesrepublik maßgeblich geprägt, und das auf unterschiedliche Weise. So haben beispielsweise die mit den vielfältigen Migrationsbewegungen einhergehenden öffentlichen Debatten über Einwanderung, Integration und kulturelle Identitäten die politische Kultur des Landes stark beeinflusst. Es scheint, dass die deutsche Gegenwartskultur ohne die Kenntnis von Migrationsdebatten nur schwer verstanden werden kann. Im Seminar wollen wir uns daher der Geschichte dieser Einwanderungsdebatten in Deutschland widmen. Wir werden Schlaglichter auf Etappen und Momente werfen, die für die Auseinandersetzung mit Migration in Deutschland seit 1949 wegweisend und symptomatisch waren (Vertriebene, „Gastarbeiter“, Asyldebatte, Deutsche Einheit, Staatsbürgerschaftsrecht, Sarrazin-Debatte) und in denen der Wandel der politischen Kultur sichtbar wird. Diskutiert werden: wissenschaftliche, journalistische, literarische Texte; filmische Darstellungen, Lieder, Theaterstücke; Parlamentsdebatten, politische Reden, Gesetzestexte.

Kulturtheorien im Zeitalter der modernen Biologie (SE)
Di 10-12 Uhr, GEO 47, Raum 0.10

Zur Theorie und Geschichte der Kulturwissenschaft gehört immer auch die Geschichte ihres Verhältnisses zu den Naturwissenschaften. Kulturtheoretische Entwürfe und Konzepte konstituierten sich nicht selten auch über die epistemologische Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Wissensbeständen. Diesem Sachverhalt wollen wir im Seminar anhand eines Beispiels aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts genauer nachgehen: Als in den 1960er Jahren die moderne Biologie in Gestalt der Molekulargenetik auf der Bühne der französischen Öffentlichkeit erschien, schrieb Michel Foucault: „Es handelt sich um die größte Umwälzung des Wissens, die sich um uns herum vollzieht.“ Der Soziologe Edgar Morin war gar davon überzeugt, dass die biologische Wissensrevolution als sogenannte „Stunde Null der Humanwissenschaften“ auch den Neubeginn jeglicher Kulturwissenschaft einleiten müsse. Tatsächlich kann man bei zahlreichen französischen Theoretikern des Strukturalismus wie auch des Poststrukturalismus (etwa Lévi-Strauss, Foucault, Deleuze, Serres) beobachten, dass die Biologie zu einem wichtigen Gegenstand der Reflexion wurde. Im Seminar sollen zentrale, aber auch abseitige Texte der genannten Autoren mit dem Ziel gelesen werden, einen Einblick sowohl in die Geschichte der modernen Biologie als auch in die französische Theorielandschaft um 1968 zu gewinnen.

 

 

Sommersemester 2017

 

Das Wissen der Migration (SE)
Mi 12-14 Uhr, SO 22, Raum 0.03

Migration ist mittlerweile zu einem allgegenwärtigen gesellschaftlichen Thema geworden. Was hat die Kulturwissenschaft dazu zu sagen? In diesem Seminar wollen wir uns klassische und neuere kulturwissenschaftliche Positionen zu „Migration“ und verwandten Themen vergegenwärtigen und sie zusammen diskutieren. Die Geschichte der Kulturtheorien im 20. Jahrhundert bietet für dieses Unterfangen ein großes (und bisher unterbelichtetes) Reservoir an fruchtbaren Perspektiven und Ansätzen aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Gelesen werden Texte von Georg Simmel, Alfred Schütz, Hannah Arendt, Vilém Flusser, John Berger, Emmanuel Levinas, Jacques Derrida, Giorgio Agamben, Charles Taylor, Zygmunt Bauman und anderen.

 

 

Wintersemester 2016/17

 

Kolonialismus und Strukturalismus (SE)
Mi 14-16 Uhr, GEO 47, 0.10

Die postcolonial studiessind mittlerweile ein wesentlicher Bestandteil der literatur-, geschichts- und kulturwissenschaftlichen Forschung und Methodologie geworden. Und kaum eine theoretische Strömung wiederum hat dieses Feld der postcolonial studiesin den letzten Jahrzehnten so stark und nachhaltig geprägt wie diejenige des französischen Strukturalismus. Strukturalistische Konzepte und Thesen wurden zu zentralen Referenzpunkten bei der Auseinandersetzung mit (post-)kolonialen Verhältnissen in Geschichte und Gegenwart. Zum Beispiel wäre das grundlegende Werk der literatur- und kulturwissenschaftlichen Kolonialismusforschung, Edward Saids Orientalismus, ohne Michel Foucaults literaturtheoretischen Diskursbegriff oder seine Thesen zu Machtregimen kaum denkbar.
Umgekehrt sieht die Lage aber deutlich anders aus: In der Theoriegeschichte des Strukturalismus spielten Fragen des Kolonialismus kaum bis gar keine Rolle. Die theoretische Landkarte war bis in die jüngste Zeit eurozentrisch gefärbt, obwohl Frankreich als ehemalige Kolonialmacht sehr stark mit den Folgen der Entkolonisierung konfrontiert war und sich noch in den 1960er Jahren im Algerien-Krieg befand. Mit Ausnahme von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir scheinen die großen anti-rassistischen und anti-kolonialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts an den meisten französischen Intellektuellen regelrecht vorbeigegangen zu sein, wie Achille Mbembe spitz bemerkt.Dabei sind die kolonialen Wurzeln gerade der strukturalistischen Theorie allein schon in den Biographien und Werken ihrer prominentesten Vertreter ablesbar: Jacques Derrida ist in Algerien geboren, Pierre Bourdieu lebte und forschte mehrere Jahre in Algerien, Michel Foucault unterrichtete in Tunesien, Roland Barthes war Dozent in Ägypten und Marokko, und Bruno Latours erste Arbeit war eine entwicklungssoziologische Studie aus der Elfenbeinküste. Über den jeweiligen biographischen Kontext hinausgehend lassen diese Beispiele bereits vermuten, dass die Theoriegeschichte des Strukturalismus als ein sich in relativ hohem Maße in (post-)kolonialen Strukturen und Situationen entfaltender historischer Vorgang gewesen sein muss.
Im Seminar wollen wir zentrale und abseitige Texte der genannten Autoren lesen und dabei vor allem die historische Bedeutung des kolonialen Kontextes für die französische Literatur- und Kulturtheorie erkunden. Dadurch kann ein Einblick sowohl in die Geschichte der strukturalistischen Theorie als auch in die Geschichte des postkolonialen Denkens gewonnen werden. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.