Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Kulturwissenschaft

Forschung

Britta Langes Forschungsthemen

 

Forschungsschwerpunkte

 

  • Kulturgeschichte und Kulturtheorien des 18. bis 21. Jahrhunderts
  • Konzepte materieller Kulturen, des Sammelns und Ausstellens
  • Wissensgeschichte früher Foto-, Film- und Tondokumente
  • Kulturtechniken
  • Koloniale und postkoloniale Konstellationen, Postcolonial Studies

 

 

Tiere zum Sprechen bringen: Logistik, Wissenschaft, Präsentation 

 

Gemeinsam mit Dr. Mareike Vennen, Teil des Verbundprojektes „Tiere als Objekte“ gemeinsam mit dem Naturkundemuseum Berlin und den Zoologischen Gärten Berlin

 

Angesiedelt an der Schnittstelle von Wissenschafts-, Logistik- und Kulturgeschichte sowie Human-Animal-Studies und Umweltgeschichte, fragt das Teilprojekt danach, wie Tiere in den und durch die Berliner Sammlungen zu Wissensobjekten und als solche zum Sprechen gebracht werden (sollen). Im Fokus stehen die Produktions-, Transfer- und Transformationsprozesse von Objekten, Wissen und Praktiken vom 19. bis ins 21. Jahrhundert. In mikrohistorischen Fallstudien werden die Wege einzelner Objekte in und durch die Institutionen mit Blick auf die lokalen und globalen Logistiken und Transportwege, Händlernetzwerke, Sammel- und Fangpraktiken verfolgt: woher, durch wen und auf welchen Wegen kamen die Tiere in Zoo, Lehrsammlung oder Museum? Wie unterscheiden sich die Beschaffungswege und Transportpraktiken bei lebenden und bei toten Tieren, bei Wasser- und Landtieren und wie haben sich die logistischen, wissenschaftlichen und ökonomischen Bedingungen der Transfers gewandelt? Darauf aufbauend geht es weiterhin um die Techniken und Praktiken der Verwahrung, Bearbeitung und Präsentation in den jeweiligen Institutionen – Lebendtierhaltung in Zoo, Aquarium und Tierpark, Präparation und wissenschaftliche Bearbeitung im Museum sowie der Einsatz in der Lehrsammlung.

 

Tiere als Objekte | Museum für Naturkunde (museumfuernaturkunde.berlin)

 

Mitgestaltung der Rinvorlesung: Animals as Objects? Histories, Institutions, Infrastructures, Data, and Knowledge im Wintersemester 2020/21 Programm zur RVL Animals as Objects? 

 

Vorlesung im Wintersemester 2021/22:

Humboldt-Universität zu Berlin - Vorlesung: Seidenkultur in Berlin. Eine Verflechtungsgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (hu-berlin.de)

Verlorene Form. Fragen an die Spuren eines Lebendabgusses

 

Gemeinsam mit Kerstin Stoll, Margit Berner und Thomas Schelper

 

Im Bestand historischer Modelle der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin befindet sich der etwa ein Meter vierzig hohe Ganzkörperabguss eines Mannes aus dem südlichen Afrika. Felix von Luschan formte ihn im Zuge seiner anthropologischen Untersuchungen und „Rasseforschungen“ bei einer Reise in das britisch kolonialisierte Südafrika im Jahr 1905 in Gips ab. Die in mehreren Teilen direkt vom Körper abgenommenen Negative wurden per Post von Johannesburg nach Berlin geschickt und in der Berliner Gipsformerei ausgegossen. Das entstandene Modell und die davon angefertigten dauerhaften Negativformen befinden sich bis heute in der Gipsformerei. Plastische Kopien des Mannes wurden bis in die 1930er Jahre an andere Museen – darunter Johannesburg, Kapstadt, Berlin-Dahlem, Salzburg, Wien – geliefert und zirkulierten als Exemplar eines „Rassetyps“. Im Zuge der 2011 begonnenen Recherchen konnte in den erhaltenen Akten ein Name des Mannes gefunden werden, der möglicherweise keine Selbstbezeichnung ist: N‘Kurui. 
In unserem Projekt interessieren uns einerseits die Wege, die die Kopien genommen haben, die Orte und Depots, an denen sie sich jetzt befinden und die Geschichten, die heute, etwa von Kurator*innen, über sie erzählt werden. Andererseits stellt für uns die „verlorene Form“ – jene erste Negativform aus Gips, der direkt auf die Haut aufgetragen wird, und die nach Aushärtung wieder zerstört wird um daraus ein Positiv herzustellen – eine Denkfigur dar. Die verlorenen Formen von N’Kurui und somit alle direkten Spuren seiner Gestalt und des Akts der Herstellung im Jahr 1905 sind tatsächlich verloren. Wir können sie uns nur noch vorstellen: als materielle Erinnerung an den Prozess des Abgießens. Für uns ist die verlorene Form daher auch eine Metapher, die Fragen an die Geschichte der Verflechtung von Wissenschaft und Kolonialismus aufwirft: wer war N‘Kurui, wo kam er her? War er allein, war jemand bei ihm? Wie hat er mit den Weißen gesprochen? Wie haben Felix von Luschan und dessen Frau Emma von Luschan ihn überredet, sich zu entkleiden und den Abguss machen zu lassen? Haben sie ihm ihr Ziel erklärt? Wie hat er darüber gedacht?

 

Verlorene Form. Fragen an ein Zwischenstadium - SchriftBildSound

 

Kerstin Stoll | n'kurui (kerstin-stoll.net)

 

Passzwang. Eine Archäologie fotografischer Praktiken

 

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs benötigten Bürger*innen des Deutschen Reiches nur für Grenzübertritte einen Ausweis mit Foto. Personen aus den ab 1915 eroberten und besetzten Gebieten wurden dagegen zwangsverpflichtet, sich einen Pass mit Lichtbild ausstellen zu lassen. Mit diesem „Passzwang“ begründet sich der Anfang der massenhaften Passfotografie in Deutschland – ein Kapitel der deutschen Fotografiegeschichte, das bisher kaum erforscht und nicht geschrieben ist. Mit den Pässen, die eine schnelle Identifizierung ihrer Inhaber*innen nach Augenschein ermöglichen sollten, wurde ein Mechanismus der Kontrolle über die unterworfenen Bevölkerungsgruppen hergestellt, der mit spezifischen fotografischen Praktiken einherging: aus Gruppenfotografien nummerierter Individuen wurden Einzelbilder ausgeschnitten und für die Registrierung genutzt. Was damals von Passinhaber*innen häufig als Verbrecherfotografie wahrgenommen wurde, rief vielfältigen Widerstand hervor, dessen Spuren sich in künstlerischen Werken finden. Das zwangsweise Fotografiertwerden auf Dorfplätzen und in Viehställen stellten polnische und litauische Künstler nach dem Ende der deutschen Besetzung in anderen Medien – Zeichnungen, Lithografien, Gemälden – dar.

 

 

Seide. Von kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Ökonomien in Brandenburg/Preußen zwischen 1696 und 1962

 

Als Gottfried Wilhelm von Leibniz 1696/97 über die Gründung einer Societät der Wissenschaften nachdachte, machte er zugleich einen Vorschlag zu ihrer Teilfinanzierung: die Gewinnung von Seide. Dem 1707 tatsächlich erteilten Privileg zur Anpflanzung von weißen Maulbeerbäumen und der Zucht von Seidenspinnern waren im 16. und 17. Jahrhundert nur verstreute Versuche der Seidenzucht in deutschen Provinzen vorausgegangen, während sie in südeuropäischen Ländern, vor allem Italien und Frankreich, bereits extensiv betrieben worden waren. Ihre Hochzeit erlebte die Zucht von Seidenraupen in Preußen unter Friedrich II., doch auch das 19. und 20. Jahrhundert sah immer wieder (politische) Nachwehen jenes Traums nach einer Rohstoffautarkie in Sachen Seide. Wenn bei der Selbsthistorisierung Preußens gegen Ende des 19. Jahrhunderts festgestellt wurde, bei der Seidenzucht handele es sich um eine ernstzunehmende „Culturbewegung“ (Schmoller, 1892), so verweist dies auf einen weiten Begriff der „Cultur“, der Agrikulturen mit höfischen bzw. bürgerlichen Kulturen wie auch mit Formen der Wahrnehmung verbindet. In dem Forschungsprojekt geht es darum, Seide im wörtlichen wie im übertragenen Sinne als Gewebe zu lesen: als Movens ebenso wie als Effekt vielfacher Verflechtungen von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ökonomien.

 

Vorlesung im Wintersemester 2021/22:

Humboldt-Universität zu Berlin - Vorlesung: Seidenkultur in Berlin. Eine Verflechtungsgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (hu-berlin.de)