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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Kulturwissenschaft

Forschung

Schwerpunkte und Forschungsprojekte


Die Humanwissenschaften sind ein weites Feld. Je nachdem, an welche Begriffstradition man sich hält, hat man es entweder mit den französischen „sciences de l’homme“ zu tun, die Fächer wie Medizin, Anthropologie und Bevölkerungswissenschaft umfassen, oder mit den englischen „humanities“, den deutschen Geisteswissenschaften eng verwandt. Die Doppeldeutigkeit des Begriffs ist insofern fruchtbar, als er wissenschaftsgeschichtliche Forschungen inspiriert, deren Gegenstände quer zu den „zwei Kulturen“ der Geistes- und Naturwissenschaften stehen. Lassen sich Forschungsansätze, wie sie die neuere Wissenschaftsgeschichte für die Naturwissenschaften entwickelt hat, auch auf geistes- und sozialwissenschaftliche Konstellationen übertragen? Inwieweit sind die einflussreichen Perspektiven Michel Foucaults auf die Wissenschaften vom Menschen heute noch attraktiv? Welche heuristischen und theoretischen Alternativen stehen im Raum?
 

Forschungsprojekte

 
Eine Geschichte der Theorie, 1960 – 1990
In den Geisteswissenschaften, aber auch außerhalb der Universität, hat das, was im Kollektivsingular „Theorie“ heißt, seit den sechziger Jahren eine beispiellose Konjunktur erlebt – vom Marxismus über den Poststrukturalismus bis zur Systemtheorie. Doch seit geraumer Zeit scheint der Furor erkaltet. Theorie ist in den Status ihrer Historisierbarkeit eingetreten. Dabei geht es nicht darum, sich klassisch ideengeschichtlich noch einmal im Dschungel der Texte zu verlaufen. In Frage stehen Praktiken, Funktionen und Medien von Theorie. Hat Theorie von der historischen Delegitimierung der Poesie profitiert? War sie notwendig, um eine rasch expandierende Universitäts- und Verlagslandschaft zu bespielen? Warum verschob sich ihr Referenzsystem in den achtziger Jahren von der Politik in die Kunst? Welche Lektürepraktiken bildete sie aus? Und welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bewirkten ihre wechselnden Konjunkturen?

 

Das Zeitalter der Verteilungen, 1780 – 1850

Als maßgebliche Transformation der Wissenschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt die Verzeitlichung. So zutreffend dieser Generalbefund sein mag: Er übersieht die Tatsache, dass eine ganze Familie von Disziplinen als geografische Verteilungswissenschaften Gestalt annahm. Meteorologen, Botaniker, Statistiker und Bevölkerungswissenschaftler trafen sich in dem gemeinsamen Erkenntnisziel, räumliche Muster zu identifizieren, um ursächliche Erklärungen zu finden oder praktische Interventionen möglich zu machen. Das neue Medium der thematischen Karte garantierte ihre flüssige Kommunikation. Warum erlangten Verteilungskarten diese zugleich epistemische und politische Schlüsselposition? Warum konnten sie – zumindest für einige Jahrzehnte – zwischen den Humboldtschen Wissenschaften und den Humanwissenschaften zirkulieren? Und welche Situation in der Geschichte des Wissens verlieh der Suche nach geografischen Mustern eine derartig fraglose Evidenz?