Promovierende
Laufende Projekte
Daniel Mayr: Eine Genealogie der Ressource(n)
Es gibt heute allem Anschein nach kaum noch etwas, das sich nicht als „Ressource“ begreifen und entsprechend behandeln ließe. Gleichzeitig bleibt der Begriff selbst bemerkenswert wenig reflektiert. An diesem doppelten Befund setzt mein Dissertationsvorhaben an und nimmt ihn zum Anlass, den Ressourcenbegriff erstmals zum Gegenstand einer eingehenden historischen Auseinandersetzung zu machen. Anhand von ausgewählten historischen Konstellationen aus dem Zeitraum von ca. 1870–1980 gehe ich den Bedingungen, der Genese, den Einsätzen und Effekten bestimmter Verwendungsweisen und Semantiken nach. Auf diese Weise möchte ich diesen so mobilen Begriff historisch dingfest machen, das heißt seine Entwicklung in konkreten Zeiten und an konkreten Orten verfolgen. Angesiedelt sind diese Orte schwerpunktmäßig in Europa und den USA. Gleichwohl hängen sie – durch koloniale Dominanzbeziehungen, durch globale wirtschaftliche Dynamiken – konstitutiv mit Schauplätzen jenseits dieser Weltregionen zusammen. In der Auffassung von Ressourcen als latenten Potenzialen dokumentiert und perpetuiert sich, so möchte ich dabei aufzeigen, ein zugleich voraussetzungsreiches und – wie heute immer drastischer spürbar wird – folgenschweres Verständnis von und Verhältnis zu Natur. Insgesamt verstehe ich mein Projekt als Beitrag zu einer begriffsgeschichtlich inspirierten politischen Wissensgeschichte mit kritischer Ambition.
Vita
Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Jena und Berlin mit einem Auslandssemester in Paris. 2021–22 Projektstipendium der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien, FU Berlin. Seit Ende 2022 Promotion am Institut für Kulturwissenschaftlich der HU Berlin, gefördert durch ein Promotionsstipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst e. V.
Publikationen
Weltressourcen, ca. 1930, in: Fabian Zimmer u.a. (Hg.): Umwelt – Technik – Wissen. Verflechtungen vom 18. Jahrhundert bis heute (Umwelt- und Klimageschichte, Bd. 6), Bielefeld 2026, S. 49–60.
zusammen mit Conny Allum, Damiana Salm und Kathrin Tschida: Haushalten zwischen Ökonomie und Ökologie im 20. Jahrhundert, in: ebd., S. 43–47.
„‚Von Andrées Polarexp.‘ Sendungen aus dem Eis“, in: Archiv für Mediengeschichte 19 (2021), S. 157–166.
Claas Oberstadt: Inherent Vice: Eine Kritik versicherungstechnischer Vernunft
Weitläufig gilt es als ausgemacht, dass Versicherungen gegen drohende Schäden absichern. Versicherungen allein auf diesen Aspekt zu verkürzen, käme eher einer Verbrauchsprosa gleich, als das eigentliche Geschäftsmodell von Versicherungen zu beschreiben. Um ihr Rationalisierungsschema zu verstehen, ihre Art und Weise, verschiedene Elemente der Realität zu zerlegen, zu arrangieren und zu ordnen, erscheint es lohnenswert, in die Zeit ihrer Institutionalisierung zu blicken: Im London des 18. Jahrhunderts legte der Aufstieg von Lloyd’s Coffee House die Bedingungen für eine Denkweise, die in meiner Arbeit als versicherungstechnische Vernunft beschrieben wird. Der Weg von Lloyd’s zum größten Marktplatz für den Handel mit der Zukunft war dabei eng verwoben mit den ausfächernden Handelsrouten über die Weltmeere, der Verschiffung von Plantagengütern, aber auch in direkter Weise mit der Versicherung versklavter Menschen auf ihrer Überfahrt von Afrika in die „Neue Welt“. Welche Vorstellungen von Wert und Besitz deckten den Handel? Welche Rationalisierungsstrategien machten die Versicherung von versklavten Menschen möglich? Welche Imaginationen verbergen sich hinter den Risikokalkülen, die bis heute fortleben? In vier Teilen untersucht meine Arbeit die Produktion von Risiko und beleuchtet nicht nur die historische Verflechtung von Versicherung und Sklavenhandel, sondern erhellt auch das Erbe dieser gewaltvollen Geschichte für die Gegenwart.
Inherent Vice: A Critique of Actuarial Reason
It is widely assumed that insurance protects against potential loss. To reduce insurance to this function, however, would be closer to consumer rhetoric than to a description of its actual business model. To understand how insurance operates, its way of breaking down, rearranging, ordering certain elements of reality, it is worth returning to the period of its institutionalization: in eighteenth-century London, the rise of Lloyd’s Coffee House laid the foundations for a new mode of thought that might best be described as actuarial reason. As Lloyd’s grew into the world’s largest marketplace for trading in futures, it became closely entangled with the expanding maritime routes of global commerce – with the shipment of plantation goods, and, directly, with the insurance of enslaved people on their passage from Africa to the “New World.” What notions of value and ownership underwrote the trade? What rationalization strategies made the insurance of enslaved people conceivable? What imaginaries persist within the risk calculations that continue to shape the present? In four parts, my work examines the production of risk, illuminating not only the historical entanglement of insurance and the transatlantic slave trade, but also the ghosts of this violent history that continue to haunt the present.
Vita
Claas Oberstadt studierte Philosophie in Berlin, Aarhus und New York, mit Schwerpunkten in der Sozialphilosophie, Affekt- und Emotionsforschung sowie postkolonialer Theorie. Seit April 2023 arbeitet er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg „Kleine Formen“ und Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben seiner Promotion schreibt er für DIE ZEIT und das Philosophie Magazin.
Publikationen
On the Limits of Insurability: Flesh and Finance in the Black Atlantic, in: Sammelband zum Workshop „Letter, oder: Objekte, die lassen“, MPI Legal History/Legal Theory (in Vorbereitung).
Vor Gericht: Berichteter Widerstand im Black Atlantic, in: Sammelband zum Workshop „Der Bericht. Geschichte einer prozeduralen Textform“, Organisation: Anne MacKinney, Jasper Schagerl, Stephan Strunz (in Vorbereitung).
Sammelband zur Tagung „Small Forms in Circulation: Infrastructures, Practices, Publics“, Co- Herausgeberschaft (in Vorbereitung).
Sammelband zum Workshop „List, Compile, Assemble: Small Forms and the Power of Collecting“, Co- Herausgeberschaft (in Vorbereitung).
Man braucht nicht mehr nur hart und zielstrebig zu sein. Rückversicherung durch Auftragsforschung: Lloyd’s legt offen, wie Londoner Policen die bezifferbaren Risiken des Menschenhandels abdeckten, in: FAZ (Geisteswissenschaften), 09.10.2024.
Blocked Bodies. Moving from Merleau-Ponty to Fanon in the experience of racism, in: InterCultural Philosophy 2021, H.1., 27-42. Abrufbar unter: https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/icp/article/view/84397.
Marvin Renfordt: Techniken der Diskretion. Eine Kulturgeschichte männlich-homosexueller Kommunikation
Vor dem Hintergrund der Kriminalisierung und Stigmatisierung gleichgeschlechtlichen Begehrens – im deutschsprachigen Raum seit 1871 durch den § 175 StGB geregelt – untersucht dieses Projekt diskrete Kommunikationsweisen, die eine Vernetzung männlich-homosexueller Akteure unter dem Radar ermöglichten. Auf Basis überwiegend archivalischer Materialien rekonstruiert es entlang einer transnationalen Achse die Entstehung diskreter Netzwerke, Geografien, Signale und Kanäle. Dabei wird deutlich, dass sich überall dort, wo queere Kommunikation durch Sexualstrafgesetze und Zensurmaßnahmen unterdrückt wurde, alternative Wege des Austauschs, der Begegnung und der Organisation herausbildeten. Diskretion wird in diesem Projekt nicht als bloße Technik des Verbergens verstanden, sondern als voraussetzungsreiche Praxis, die Anpassung und Widerstand miteinander verbindet.
In den Blick geraten insbesondere kleine textliche und materielle Formen, die darauf ausgerichtet waren, queere Verbindungen unter den Bedingungen der Heteronormativität herzustellen. Ihre Kleinheit verfügte über spezifische Potenziale, die sie als Konnektoren gleichgeschlechtlich begehrender Personen prädestinierten: Kontaktanzeigen fungierten als Vernetzungswerkzeuge in homosexuellen Printzeitschriften; Adresslisten erwiesen sich als Vehikel einer nicht-heteronormativen Raumerschließung; Alltagsobjekte wurden zu bedeutungsträchtigen Erkennungszeichen refunktionalisiert; und Telefonkanäle dienten als Infrastrukturen der Sorge. Methodisch ist das Projekt praxeologisch angelegt und an der Schnittstelle von Medienkultur und Queer Studies situiert.
Vita
Studium der Medienwissenschaft an der Bauhaus-Universität Weimar. Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Seit April 2023 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Graduiertenkolleg 2190 „Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen“ und Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
Publikationen
„Kontaktanzeige“, in: Abécédaire der Kleinen Formen, hg. v. Christian Marchlewitz, Ethel Matala de Mazza und Steffen Richter (in Vorbereitung).
„How to Smuggle Queer Personals through the Postal System: Die Freundschaft (1919–1933)“, in: Small Forms in Circulation: Infrastructures, Practices, Publics, hg. v. Gesche Mirjam Beyer, Claas Oberstadt, Marvin Renfordt, Morten Schneider und Anya Shchetvina (in Vorbereitung).
Sammelband zur Tagung „Small Forms in Circulation: Infrastructures, Practices, Publics“, gemeinsam mit Gesche Mirjam Beyer, Claas Oberstadt, Morten Schneider und Anya Shchetvina (in Vorbereitung).
„Botanical Poetics. Interview mit Jessica Rosenberg“, in: microform. Der Podcast des Graduiertenkollegs Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen, Berlin 2025, online (www.kleine-formen.de/botanical-poetics-Jessica-Rosenberg) (gemeinsam mit Marie van Bömmel, Johann Gartlinger und Ana María Orjuela-Acosta).
„Hidden in Plain Sight“, in: Are.na Annual 6: Document (2025), S. 173–180.
„Formatted to Infiltrate“. Interview mit Madeline Zehnder, in: microform. Der Podcast des Graduiertenkollegs Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen, Berlin 2024, online (www.kleine-formen.de/interview-with-madeline-zehnder) (gemeinsam mit Marie van Bömmel und Johann Gartlinger).
Abgeschlossene Projekte
Niklas Weber: Zirkulation der Klassen. Eine Kulturgeschichte der Eisenbahnreise im 19. Jahrhundert
Meine Arbeit untersucht die Eisenbahnreise als Medium der Beobachtung, Deutung und (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit hinsichtlich der Kategorien Klasse, Geschlecht und "Rasse". Den Eisenbahnraum des 19. Jahrhunderts kennzeichnet der eigentümliche Umstand, dass er die ganze Gesellschaft für eine gewisse Dauer an einem Ort zusammenbringt. Die egalitären und demokratischen Utopien, die sich in den 1830er Jahren mit der Eisenbahn verknüpfen, werden indes durch das Klassensystem konterkariert.
Die Wagenklassen werden von Anfang an als Entsprechungen sozialer Ordnung verstanden, die gesellschaftliche Hierarchien in symbolische und materielle Vor- und Nachteile übersetzen. In der Praxis ist diese Ordnung allerdings prekär, da man durch den Erwerb eines teureren oder billigeren Billets leichterhand die Klasse wechseln kann. Wenn der Eisenbahnraum also zur Beschreibung harter Klassengegensätze, himmelschreienden Elends und krasser Ungerechtigkeit taugt, bietet er zugleich die Möglichkeit, soziale Mobilität, die Durchlässigkeit sozialer Grenzen, erotische Phantasien und Vermassungsängste zu verhandeln.
Mit dem Umstieg der Eliten auf Auto und Flugzeug und der sukzessiven Reduzierung des Klassensystems büßt der semantische Zusammenhang von Wagenklassen und sozialen Klassen an Plausibilität ein. Aus den Eisenbahnpassagieren als Repräsentanten ihrer Klasse werden moderne "Durchschnittsmenschen" (Treitschke), klassenlose Passagiere auf der Fahrt in die nivellierte Mittelstandsgesellschaft.
Vita
Studium Geschichte und Deutsche Literatur in Berlin und Toulouse. Johann-Gustav-Droysen-Preis des Instituts für Geschichtswissenschaften der HU Berlin für die beste Masterarbeit 2018. Seit Oktober 2018 Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der HU Berlin. 2019-2022 Promotionsstipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Kontakt
niklasweber@gmx.com
Publikationen
Rückruf aus den Neunzigern. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 859 (Dezember 2020), S. 18-31.
Das Schweigen der Passagiere. Wolfgang Schivelbuschs „Geschichte der Eisenbahnreise“ neu gelesen. In: Geschichte der Gegenwart, 27. Oktober 2019, https://geschichtedergegenwart.ch/das-schweigen-der-passagiere-wolfgang- schivelbuschs-geschichte-der-eisenbahnreise-neu-gelesen/.
Héberts Tod. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 837 (Februar 2019), S. 42-53.
Zeitung (Auswahl):
Die Wiederkehr des Martin Grundweg. In: taz. die tageszeitung, 29.11.2021, https://taz.de/Neue-Rechte-und-die-Akte- Hasselhorn/!5814784/
Das Krokodil. In: Neues Deutschland, 07.05.2021, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1151720.hedwig-richter-das- krokodil.html
Da ist sie wieder, die konservative Revolution. In: Süddeutsche Zeitung, 03.03.2020, https://www.sueddeutsche.de/kultur/benjamin-hasselhorn-hohenzollern-neue-rechte-1.4827695
Rez. zu Éric Vuillard: 14. Juli. In: taz. die tageszeitung, 29.06.2019., https://taz.de/!5603410/
Der Heroismus der Rechten. In: taz. die tageszeitung, 19.02.2019, https://taz.de/Kommentar-Rechte- Intellektuelle/!5573764/
Moritz Neuffer: Die ›journalistische Form‹ der Theorie
Das Promotionsprojekt untersucht publizistische Formen kritischer Theoriebildung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen Periodika, die im Zuge des politischen Aufbruchs der Neuen Linken ab den späten 1950er Jahren entstanden: die westdeutsche alternative (1958–82), aber auch verwandte Publikationen wie die britische New Left Review (seit 1960) und die US-amerikanische Studies on the Left (1959–67).
Die Studie fragt nach den epistemologischen und politischen Besonderheiten der Gattung ›Theoriezeitschrift‹, in der wissenschaftliche, literarische und journalistische Formen in Beziehung treten. Als theoriegeschichtliche Quellen erlauben es Zeitschriften, die Adressierung, Aktualisierung und Archivierung von Theorie zu beobachten. ›Anfänge‹, ›Konjunkturen‹ oder ›Enden‹ von Theorie werden als Topoi erforscht, die häufig in engem Zusammenhang mit der Lebensdauer publizistischer Projekte stehen.
Vita
Studium der Geschichte und Germanistik an den Universitäten Hamburg, Paris VII und Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2014 Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 2014-2016 Wissenschaftlicher Mitarbeiter ebenda. Seit 2017 Stipendiat am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin.
Publikationen (Auswahl)
»Rechte Hefte. Rightwing magazines in Germany after 1945 / Zeitschriften der alten und neuen Rechten nach 1945«, in: Worlds of Cultural Journals, Eurozine (https://www.eurozine.com/rechte-hefte/) , 4.11.2018 (gemeinsam mit Morten Paul).
»Geschichte und Eigensinn«, in: Titelpaare. Ein philosophisches und literarisches Wörterbuch, hg.v. von Hendrikje Schauer und Marcel Lepper, Stuttgart 2018.
»Elend«, in: Wörter aus der Fremde. Begriffsgeschichte als Übersetzungsgeschichte, hg.v. Falko Schmieder und Georg Toepfer, Berlin 2017, S. 81-85.
Marxismus-Fatalismus. Heinz Dieter Kittsteiners Geschichtsphilosophie, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 11 (2017) 3, S. 21-32 (gemeinsam mit Christian Voller)
Drinnen und Draußen. Die Gruppe Poetik und Hermeneutik 1963-2013, Tagungsbericht in: Zeitschrift für Ideengeschichte 8 (2014) 3, S. 114-118.
Distanzgesten. Ein Gespräch über das Zeitschriftenmachen mit Ulrich Raulff und Wolfert von Rahden. In: Grundlagenforschung 1 (2014), S. 64-87 und online (http://1.grundlagenforschung.org/GF1_Rahden_Raulff.pdf ) (gemeinsam mit Morten Paul).
Christa Kamleithner: Stadtplanung als Wissenschaft. Eine Genealogie der „funktionalen Stadt“
Mit dem raschen Wachstum der Städte und den dabei auftretenden Problemen verdichtet sich Ende des 19. Jahrhunderts die städtebauliche Diskussion. Die Stadtplanung beginnt, sich als wissenschaftliche Disziplin zu konstituieren und ein Wissen auszubilden, das sich von einem älteren städtebaulichen Denken deutlich absetzt. Ziel der Arbeit ist es, die Koordinaten dieses neuen Wissens aufzuzeigen und seiner Vorgeschichte nachzugehen. Die These dabei ist, dass die moderne Stadtplanung wesentlich auf Stadtforschung beruht: Sie interessiert sich für demographische Verschiebungen und verfolgt die Mobilisierung der Bevölkerung wie des Bodens, die durch die veränderten – liberalisierten – ökonomischen und sozialen Bedingungen entstanden ist. Statistik, Kartographie und Ökonomie haben an ihren Entwürfen einen wichtigen Anteil: Sie stellen Verteilungsmuster heraus – Muster der Bevölkerungsdichte, der Verkehrsströme, der Differenzierung und Neuverteilung von Tätigkeiten und sozialen Gruppen –, aus denen um 1900 ein neues Bild von Stadt entsteht. Die Arbeit versucht, diesen Prozess der Wissensmodellierung nachzuzeichnen, in dem sich Empirie und deduktive Ordnung mischen und Beschreibung und Vorschrift ineinander greifen.
Vita
Studium der Architektur und Philosophie in Wien. 2004-05 Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz, 2006-12 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Kunst- und Kulturgeschichte im Studiengang Architektur der Universität der Künste Berlin. 2007-2013 Lehrbeauftragte am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin, Sommersemester 2011 Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg im Masterstudiengang Architektur und Stadtforschung. Seit 2013 Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
Publikationen (Auswahl)
Theorie der Praxis, oder: Von Nutzern und Lesern, in: ARCH+ 221, 2015, 129-132
Theorie des sozialen Raumes, oder: Die Konstruktion von Situationen, in: ebd., 135-139
Mit dem Markt planen. Zu den epistemischen Voraussetzungen moderner Stadtplanung, in: Planlos! Zu den Grenzen von Planbarkeit, hg. v. Matthias Koch, Christian Köhler, Julius Othmer und Andreas Weich, München: Fink 2015, S. 35-49.
Medien / Architekturen, ZfM – Zeitschrift für Medienwissenschaft 12 (2015), Schwerpunktredaktion mit Roland Meyer und Julia Weber.
Was Architektur macht / What Architecture Does, in: ARCH+ 217 (2014), S. 156-169.
Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften, Bd. 1: Zur Ästhetik des sozialen Raumes, Bd. 2: Zur Logistik des sozialen Raumes, mit Susanne Hauser und Roland Meyer (Hg.), Bielefeld: transcript 2011/2013.
Neue Mischungsverhältnisse. Zum Gebrauch von Infrastrukturen, in: Infrastrukturen des Urbanen. Soundscapes, Landscapes, Netscapes, hg. v. Nathalie Bredella und Chris Dähne, Bielefeld: transcript 2013, S. 253-273.
Urban Icons. Architektur und globale Bildzirkulation, mit Roland Meyer, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 2 (2011), S. 17-31.
Differenzierte Interessenslandschaften. Homo oeconomicus und die Anfänge der modernen Stadtplanung, in: Landschaftlichkeit. Forschungsansätze zwischen Kunst, Architektur und Theorie, hg. v. Irene Nierhaus, Josch Hoenes und Annette Urban, Berlin: Reimer 2010, S. 253-263.
„Regieren durch Community“: Neoliberale Formen der Stadtplanung, in: Governance der Quartiersentwicklung. Theoretische und praktische Zugänge zu neuen Steuerungsformen, hg. v. Matthias Drilling und Olaf Schnur, Wiesbaden: VS 2009, S. 29-47.
Felix Lüttge: Auf den Spuren des Wals. Geographien des Lebens 1768-1935
Naturforschung, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert als ›Naturgeschichte‹ betrieben wurde, war vor allem das Projekt der umfassenden Klassifizierung von Tieren, Pflanzen und Gesteinen. Mit dem Wal fasst das Dissertationsprojekt die Wissenschaftsgeschichte eines Tieres ins Auge, das sich der eindeutigen Einordnung in das System der Natur lange widersetzte und um dessen taxonomischen Status heftige Debatten geführt wurden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts forderte der Wal das Experimentalisierungsparadigma der modernen Biologie heraus, während er sich für die Entstehung der Ozeanographie nicht zuletzt wegen seiner ökonomischen Bedeutung als produktiv erwies. Als eine Geschichte eines spezifischen Wissens vom Wal, das sich an der Schnittstelle von entstehender Ozeanographie, Biologie und wirtschaftlichen Interessen konstituierte, soll das Dissertationsvorhaben dem doppelten Interesse an Lebensraum und Lebensbedingung, das die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts dem Wal entgegenbrachte, nachgehen. Dabei soll gezeigt werden, dass die Widerständigkeit des Forschungsgegenstandes ›Wal‹ einerseits nach neuen wissenschaftlichen Methoden und Visualisierungsformen verlangte, jedoch zugleich Forschungs- und Präsentationspraktiken älterer Wissensordnungen zu einer Renaissance verhalf.
Vita
Studium der Geschichte und Philosophie in Berlin (HU) und New York (NYU), seit 2014 Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Promotionsstipendium der Gerda Henkel Stiftung. Assoziiertes Mitglied im DFG-Graduiertenkolleg 1539 »Sichtbarkeit und Sichtbarmachung. Hybride Formen des Bildwissens«, Universität Potsdam. April–September 2014 Vertretung einer Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin.